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Was machen wir mit Technologien und

was macht Technologie mit uns?

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

der Mensch ist ein hoffendes Wesen. Diese Hoffnung treibt uns an und lässt uns vieles aushalten. Obwohl unser Verhältnis zu Technologie durchaus ambivalent ist, verbinden wir auch mit ihr  – trotz aller Enttäuschungen – immer wieder die Hoffnung auf Besserung und Fortschritt. Sie soll unter anderem das menschliche Leben und Zusammen Leben einfacher, besser, friedlicher und sinnvoller machen.

 

Fortschritt?

Spätestens seit Beginn des Computer Zeitalters dringt die Technologie immer tiefer in unser Leben ein und verändert die grundlegende Struktur von Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Wir stehen an der Schwelle zu einer Zeit, in der intelligente Technologien den Menschen nicht nur unterstützen, sondern sogar ersetzen könnten und sollten uns fragen, ob Digitalisierung wirklich Innovation ist? Bringen uns exponentielle Technologien und deren Wirkung wirklich einen Fortschritt?

 

Leben wir schon in der virtuellen Realität?

Ein  Fortschritt , der angesichts weltweiter Krisen – noch nie in meinem Leben war ein weltweiter Krieg so wahrscheinlich wie heute –  dringend erforderlich scheint. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als wandle die Welt am Abgrund, ohne dass wir Menschen dies wirklich wahrnehmen, weil Facebook, Instagram, Snapchat uns Co. uns zu menschlich entwurzelten Social Media Optimierern gemacht haben, die nicht mehr wissen was sie tun. Second Life Gründer Philip Rosedale träumt gar von der virtuellen Realität als zweite Realität, in der man alles besser machen kann und in der wir alle ein glückliches Leben führen können. Es bleibt uns also die Flucht auf den Mars oder in die virtuelle Realität.

 

Was erwarten wir von unserer Zukunft?

Durch meine subjektiven Brillengläser sehe ich überall Veränderungsbedarf: Im Finanzwesen, im Bildungsbereich, im Sozialwesen, im Gesundheitswesen – wie kann es sein, dass man in einem reichen Land wie Deutschland selbst bei akuten Erkrankungen länger als 3 Monate auf eine Behandlung warten muss – im Verkehrswesen, in der Politik, usw. In all diesen Bereichen könnten Technologien Lösungen herbeiführen. Ob dies gute oder schlechte Lösungen sein werden, lässt sich kaum absehen. Das wir aber zuerst konsensfähige, weltweite, humanitäre Antworten finden müssen, bevor  Technologien irgendein Versprechen einlösen können, ist eindeutig. Dürfen wir den Technologen die Gestaltung der Welt überlassen? Dürfen wir überhaupt irgendeiner einzelnen Person oder irgend einer Gruppe die Gestaltung der Welt überlassen? Was erwarten wir von unserer Zukunft?

 

Können wir mit digitalen Technologien wirklich umgehen?

Verstehen wir überhaupt die Technologien, die wir entwickeln und nutzen? Ist uns überhaupt klar, was sie bewirken oder nicht bewirken können?  Kann es nicht sogar sein, dass selbst die besten Technologie Experten nicht mit der Dynamik, die ihre Ideen entfachen umgehen können? Fehlen Ihnen nicht häufig psychologische und soziologische Kenntnisse bzw. vor allem auch die Empathie sich in Menschen hineinfühlen zu können und werden sie nicht durch den eingeschränkten Blick auf den Erfolg ihrer Idee, ihres Unternehmens und ihres persönlichen Lebensmodells zu Dingen verleitet, die dem ganzen dann schädlich sind?

 

Der Fall Savedroid kann hier ein Beispiel sein. Mehr kann man einer Branche, einer Technologie und vor allem der  Philosophie einer Bewegung oder Community- die vom Savedroid Team scheinbar nicht einmal verstanden wurde – wohl kaum schaden.

 

Wert schöpfen, Wert extrahieren und Wert verteilen

Neoliberalismus und Digitalisierung stehen aktuell Seite an Seite. Die großen digitalen Plattformen werden immer mächtiger. Auf das kurze Aufstöhnen nach Meldungen über deren asoziales und schädigendes Verhalten folgt Business as usual. Private Wertschöpfung wird in Zukunft möglicherweise nur noch auf wenigen weltweit dominierenden Plattformen möglich sein. Schon heute können vielen Banken ihre Angebote nur noch über Apples IOS, über Googles Android, über Google Search, Amazon Alexa usw. an den Mann oder die Frau bringen und schon bald werden ihre heutigen Mitarbeitern keine Jobs mehr haben, sondern nur noch Gigs.

 

Wert schöpfen ohne Arbeit

Umair Haque schreibt in einem Artikel, dass in den USA jeder Bürger 160.000 Dollar verdienen könnte, wenn der Reichtum gleich verteilt wäre. Immer mehr der von Nationen produzierten Waren  werden ohne menschliche Tätigkeit produziert. Jeder produzierte Dollar oder Euro wird mit immer weniger menschlicher Arbeit erzeugt.

Jobs verschwinden. Nein liebe FDP Leistung lohnt sich „nicht“ mehr. Wenn sich Leistung lohnt, dann vergangene Leistung, die durch Erbschaften und sonstige Übertragungen, die Basis für die Arbeit von Geld und Vermögen schafft. Und nein liebe SPD, es wird Euch nicht gelingen in großem Maße wieder neue, menschenwürdige und den Lebensunterhalt sichernde Jobs zu schaffen.

 


Regierungsgutachten rechnet mit Job gewinnen


 

Umair Haque schreibt:

„Every dollar, yen, or renminbi of value created in the economies of today is done so with less and less work. So jobs are disappearing — but the fruits of a workless economy are not being allocated well: justly, efficiently, effectively, optimally. In ways that allow societies to prosper — instead of collapse into something like lawless neofeudal oligarchies.“

 

Technologischer Wandel erfordert gesellschaftliche Umgestaltung

Wenn exponentielle Technologien einen wirklichen Nutzen stiften sollen, dann müssen wir heute mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umgestaltung beginnen. Die Politik und alle anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen sind aufgefordert, sich von den alten Dogmen, Programmen und Zöpfen zu trennen.

 

Umair Haque schreibt:

„So here we are, economists, managers, intellectuals, politicans, people — seeking work, jobs, and careers, desperately in an economy that has less and less of it to offer. We are trying to solve a problem that was itself the solution to yesterday’s problems. We wanted lives of ease and comfort, where work itself became obsolete. Now we stand on the cusp of that science-fiction world that we wanted. But the transition is the hard part.“

 

Neuer Gesellschaftsvertrag

Was er im weiteren Text für den amerikanischen Gesellschaftsvertrag beschreibt, ist letztendlich auch auf Deutschland und andere demokratische Gesellschaften übertragbar: Unsere Gesellschaftsverträge scheitern, weil sie für eine Welt der Arbeit gebaut wurden. Für eine Weilt ohne Arbeit muss er aber neu geschrieben werden. Die Grundlagen eines menschenwürdigen Lebens sind von den Jobs zu entkoppeln. Das gilt auch für Einkommen, Ersparnisse, Investitionen nd Eigentum.

 

Welche Entwicklung wünschen wir uns?

Arme Menschen sind nicht – wie man uns und wir uns selbst gerne einreden- faul. Die Erwerbsarbeit des Industriezeitalters führt in der digitalen Welt nicht mehr aus der Armut. Arbeit kann nicht mehr länger das Grundprinzip sein, um das sich alles dreht. Digitalisierung mag zwar Beschäftigung schaffen. Aber aus „Jobs“ werden “ Gigs“ und in der „Gig Economy“ gibt es kein menschenwürdiges Leben mehr. Ganz im Gegenteil. Schon heute führt das Ende der Arbeit zu totalitären Entwicklungen in vielen Gesellschaften. Und neben der Vernichtung von Arbeit können Technologien auch zur perfekten Überwachung und Zurichtung von Menschen genutzt werden. Diese Aspekte sollten wir alle im Kopf behalten, wenn wir dem Pfad der digitalen Innovation weiter unreflektiert folgen. Welchen Fortschritt bringen uns also exponentielle Technologien? Singularität oder Totalitarismus? Diese Frage stellt sich zum Beispiel Micha Benolie:

Singularitarianism v.s totalitarism

 

Null Grenzkosten Gesellschaft?

Vergessen wir aber nicht ganz die positiven Utopien. Die Zukunft bricht nicht über uns herein und sie ist auch noch nicht da, sondern wird von uns entwickelt und gestaltet. Vielleicht – wenn wir alle daran arbeiten – führt uns die Digitalisierung auch in die Welt des Überflusses, löst alle unsere Probleme, versorgt alle Menschen mit allen Ressourcen, befriedigt alle Bedürfnisse und zwar ganz ohne Geld und die Notwendigkeit noch zu arbeiten?


Inspiration und Originalartikel von Umair Haque


 

 

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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