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Unendliche Spiele

Eine Buchvorstellung und das Jahr 2020

In meinem Weihnachtsurlaub habe ich das aktuelle Buch von Simon Sinek – The Infinte Game – gelesen. Seine Bücher „Leaders eat last“ und vor allem „Start with why“ sind weltweite Bestseller und zieren wohl inzwischen die Regale der meisten Managerbüros.

The Infinite Game ist ein Buch über Führung. Für Sinek sind Wirtschaft und Politik heute mehr denn je unendliche Spiele, deren Spieler kommen und gehen. Die Regeln sind veränderbar und es gibt keinen definierten Endpunkt, zu dem dann ein Gewinner seinen Sieg feiern könnte.

Unendliche Spiele werden von der Frage bestimmt:

Was ist am besten für uns?

In diesen Spielen geht es nicht darum zu gewinnen oder der Beste zu sein. Unternehmen und Unternehmer in endlichen Spielen fokussieren sich auf das Produkt, auf sich Selbst, auf Wachstum oder darauf der Beste zu sein. Wenn wir Herausforderungen als endliche Spiele betrachten, richten wir uns nach Innen. Wo der einzige Zweck (Purpose) Geld und Wachstum ist, wird Vertrauen, Kooperation und Innovation zerstört.

Die Folgen endlicher Spiele sehen und erleben wir tagtäglich und nicht mehr nur beschränkt auf Unternehmen. Die Politiker vieler (fast aller) Nationen folgen den Regeln endlicher Spiele. DieFolge sind aufbrechende oder sich vertiefende Gräben zwischen Politik und Bürger bzw. zwischen Institutionen und den Menschen. Wir gehen nicht mehr wählen, vertrauen unseren Medien nicht , machen am Arbeitsplatz nur Dienst nach Fortschritt, verlieren uns in rechts/links Dogmen, werden laut oder sprachlos.

Ein Buch über Führung

Simon Sinek nennt in seinem Buch zahlreiche Beispiele von Unternehmen, die unendliche oder endliche Spiele ausführen. Das Spiel, welches man spielt, hängt oft von den entsprechenden Führungskräften und der Haltung dieser Führungskräfte ab. Universitäten und Managementschulen bilden Betriebswirtschafler mindestens seit den 90er Jahren nur nochzum spielen endlicher Spiele aus.

Ein Wechsel der Führungskraft verändert die Spielweise. In Krisenzeiten steigt die Tendenz zum Spielen endlicher Spiele. Während die Gründer noch einer Vision oder einem Just Cause folgen, sind später eingestellte Manager nicht mehr in der Lage das „Why“ zu spüren und den Spirit zu erneuern. Viele haben nur gelernt ihre und die Interessen der Shareholder immer in den Vordergrund zu stellen.

Waltmart, Victorvox, Patagonia, Apple und Microsoft werden als Beispiele für Unternehmen, die unendliche Spiele spielen, herangezogen. Microsoft und Walmart sind zudem Beispiele für Unternehmen, die ihre Spielweise gewechselt haben und daran zu scheitern drohten. Steve Ballmer steht beispielsweise für den Wechsel von einem unendlichen zu einem endlichen Spiel.

Purpose als Basis für ein unendliches Spiel

Unternehmen, die nach den Regeln endlicher Spiele handeln, sind laut Sinek: Kodak, ebenfalls Microsoft und auch Wells Fargo. Auch Siemens oder die deutsche Bundesregierung und Parteien spielen (meine Meinung) eher endliche Spiele. Wer in der Politik aktiv ist, will oder muss gewinnen. Die nächste Wahl diktiert die Spielweise.

First ask why

Unendliche Spiele erfordern einen Purpose. Organisationen benötigen eine Vision, welche in die Zukunft weist. Die Organisation will diese Zukunft gestalten oder neu erfinden. Sie will damit das Leben vieler oder aller Menschen verbessern. Der Einsatz eponentieller Technologien bietet neue Möglichkeiten. Sie sind aber nicht der Zweck der alle Mittel heiligt. Wer sich von von den Technologien treiben lässt, so wie es gerade viele Finanzunternehmen tun, wird zum Verlierer in einem endlichen Spiel

Warum spielen wir endliche Spiele?

Adam Smith wusste was „Customer First“ ist

Endliche Spiele sind spätestens seit den 70er Jahren der Standard in der Unternehmenswelt. Führungskräfte und Direktoren – so schreibt Sinek – sehen sich verantwortlich gegenüber Besitzern und Shareholdern und betrachten sich nicht mehr als Diener für eine größere Sache. Ein einziger Essay von Milton Friedman hat die Ökonomie in diese Richtung getrieben. Die Folgen sind heute überall sichtbar.

In den USA ist das Vertrauen in Politiker und Führungskräfte längst erodiert. Die Wahl Trumps ist die späte Reaktion auf den Börsencrash von 2008 und dessen bisher nicht bewältigte Folgen. Auf der anderen Seite seien aber auch neue Bewegungen entstanden. Begonnen bei der reinen Protest Bewegung Occupy Wallstreet erleben wir heute Entwicklungen wie Conscious Capitalsm, B Corp, The B Team oder auch Team Human. In gewisser Weise auch eine Renaissance der genossenschaftlichen Bewegung, insbesondere des Platform Cooperativsm. Sie alle fordern die Ideen von Milton Friedman heraus.

Die Basis für unendliche Spiele

Wie spielt man unendliche Spiele

Den Anfang macht ein „Just Cause“. Dieser „Just Cause“ entspricht in etwa dem „Why“ aus dem ersten Buch von Simon Sinek. Er ist affirmativ, optimistisch und inklusiv, schliesst also alle Menschen ein, die daran teilhaben möchten oder die hinter dem Cause stehen.

Der Just Cause ist darüber hinaus resilient, Service orientiert und idealistisch. Er nutzt primär den Anderen und ist fähig politischen, kulturellen und auch technologischen Wandel zu überstehen. Die Anpassung eines Geschäftsmodells ist dem Just Cause unterstellt. Insofern könnten z.B. genossenschaftliche Banken ihr Geschäftsmodell ganz einfach ihrem „Just Cause“ anpassen, da er die Funktion oder das Geschäftsmodell des Bankings überdauert.

Ein Just Cause ist groß, massiv und ultimativ eigentlich gar nicht erreichbar. Im amerikanischen Sprachraum spricht man oft auch von einem „Massive Transformation Purpose“. In unendlichen Spielen ist man niemals im Ziel. Am Beginn steht die Beantwortung der Frage: Was ist unsere unendliche und dauerhafte Vision? Wofür sind wir da?

Fortschritt – so schreibt Simon Sinek -dient nicht einigen wenigen, sondern vielen und allen. Es geht darum jeden Tag ein Stück besser zu werden. Wachstum ist dabei nur ein Enabler, es ist der Treibstoff für den Just Cause. Es ist aber nicht – wie bei Milton Friedman – der eigentliche Zweck.

Neue Rolle für Führungskräfte

Trusting Teams sind die zweite Voraussetzung für die Teilnahme an unendlichen Spielen. Dabei sollten Menschen vor Ergebnisse gestellt werden. Vertrauen geht heute vor Performance. Das Vertrauen muss so groß sein, dass auch Verletzlichkeit gezeigt werden kann. Führungskräfte haben die Aufgabe hierfür ein Umfeld zu schaffen. Sie sind nicht verantwortlich für die Ergebnisse, sondern für die Menschen, die für die Ergebnisse verantwortlich sind:

The Navy seals would rather have a medium performer of high trust, sometimes a low performer of high trust on their team than the high performer of low trust“

Es ist darüber hinaus immens wichtig einen „Worthy Rival“ zu haben. Dabei handelt es sich um einen anderen Spieler im Spiel, der einen Vergleich wert ist. Dies können Unternehmen in unserer Branche sein. Es kann sich um einen Todfeind handeln, aber auch um Kollaborateure und Kollegen. „Worthy Rivals“ inspirieren uns. Sie bewegen uns in eine Richtung, die nur wenige andere gehen können. Monica Seles war der „Worthy Rival“ von Steffi Graf. Real Madrid ist vielleicht der Worthy Rival von Bayern München. China ist aktuell der Worthy Rival der USA.

Worthy Rivals helfen uns dabei besser zu werden. Durch sie können wir dem Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung folgen (flow). Durch sie gelingt es uns auch deutlicher zu erkennen, warum wir so handeln wie wir handeln.

Welchen Worthy Rival haben Sie?

Einschränkend erwähnt Simon Sinek, dass der Vergleich mit „Worthy Rivals“ nicht bedeutet, dass deren „Just Cause“ moralisch oder ethisch höherwertiger ist. Es bedeutet nur, dass sie sich in bestimmten Dingen auszeichnen und uns zeigen, wo wir Verbesserungen vornehmen können. Wer seinen „Worthy Rival“ verloren hat, sollte dies auch nicht damit verwechseln das Spiel gewonnen zu haben. Unendliche Spiele kann man nicht gewinnen.

Besonderes Problem: Ethical Fading

Dem sogenannten „Ethical Fading“ – ich nenne es hier vereinfacht Verfolgung des Milton Friedman Prinzips – widmet Simon Sinek ein ausführliches Kapitel. Sehr oft handeln Mitarbeiter und Führungskräfte von Unternehmen und Parteien unethisch , während sie davon überzeugt sind, immer noch nach ihren eigenen ethischen und moralischen Standards zu handeln. Er beschreibt und nennt einige Beispiele wie Wells Fargo.

Kennen Sie das?

In vielen Unternehmen – sogar gerade in der Politik – existieren Kulturen, die es den Menschen erlaubt in unetischer Art und Weise zu handeln, um ihre eigenen Interessen (oft auf Kosten anderer) zu erreichen. Oft ist es für einzelne Personen sogar systemimmanent vorteilhaft den Kopf der anderen zu riskieren. Es fehlt – wie Nassem Taleb schreibt – Skin in the game. Mit jedem Verstoß gegen ethische Prinzipien, der nicht oder nur halbherzig geahndet wird, bereiten wir den Weg für mehr und heftigere Ausbrüche und Verstöße.

In unserer Realität sind es zudem oft die kleinen Vergehen die geahndet und die großen, die geflissentlich übersehen werden.

Ethical Fading ist ein Versagen von Führung . Dieses Verhalten entsteht in bestimmen Umfeldern und Kulturen. Zum Beispiel dort wo Zeitdruck und Erfolgsdruck herrscht und wird pikanter Weise in Krisenzeiten zumeist noch verstärkt, weil als Lösung meistens nur neue Prozesse eingeführt werden. Probleme, die von Menschen verursacht werden so Sinek – und das ist für mich auch ein Schlüsselsatz im Buch – lassen sich aber nur menschlich lösen. Prozesse, Training und Zertifizierung helfen überhaupt nicht, denn dies sind Lösungen aus bzw. für endliche Spiele

People First

Wir alle möchten das Gefühl haben, Teil von etwas zu sein, das größer ist als wir, das unsere Existenz übersteigt. Die Anziehungskraft von „Friday for Future“ aber auch die kontroverse Auseinandersetzung mit der Bewegung ist ein Beweis dafür. Gleichzeitig zeigt die Art und Weise der Diskussion aber auch, dass Führungskräfte (Politiker) sich häufig in erster Linie, um sich selbst und ihre Karriere sorgen, also auch darum wieder gewählt zu werden.

Henry Ford kannte Milton Friedmans Artikel nicht

Die Bereitschaft zum Angriff auf das eigene Geschäftsmodell oder die extreme Veränderung der strategischen Richtung, um den „Just Cause“ besser anstreben zu können, nennt Simon Sinek „Existential Flexibility„. In Deutschland ist diese Flexibilität leider nicht besonders häufig.

Diese Bereitschaft ist der vierte Baustein für unendliche Spiele. Die Wertschätzung für das Unvorhersagbare erlaubt Führungskräften diese Art von Wandel. Jedes Unternehmen muss heute einen solchen „existential flex“ durchführen, wahrscheinlich sogar mehrmals und insgesamt häufiger.

Eine neue Technologie kann helfen den „Just Cause“ voranszubringen. Viele Unternehmen – Sinek nennt vor allem Zeitschriftenverlage – haben es zwar geschafft ihr Geschäftsmodell zu verändern, als sie auf die digitalen Herausforderungen trafen. Es ist ihnen aber nicht gelungen einen besseren Weg zu finden, um ihren „Just Cause“ voranzubringen. Führungskräfte haben die Aufgabe die Organisation mit der Fähigkeit zu existenziellen Flexibitlität auszustatten.

Der Mut zu führen

Als Mut zur Führung bezeichnet Sinek die Bereitschaft, Risiken zum Wohle einer unbekannten Zukunft einzugehen. Der Mut, mit einer unendlichen Denkweise zu führen, ist der Wille, die Wahrnehmung der Welt komplett zu verändern. Es ist der Mut, Friedmans erklärtes Ziel von Unternehmertum abzulehnen und alternative Definitionen zu finden. Schon eine Rückkehr zu den Prinzipien von Adam Smith würde eine große Verbesserung des Kapitalismus mit sich bringen. Diese Veränderung erreichen wir entweder indem wir auf Ereignisse warten, die unser Weltbild erschüttern – so wie es gerade der australische Premierminister und viele andere Politiker auf der Welt erleben – oder indem wir einen Just Cause finden und formulieren, der uns und andere inspiriert.


In einem Video mit dem Titel: „Breaking the Patterns and Habits that Create Silos Within Organizations | Singularity University“ werden 4 mögliche Zukünfte aufgezeigt.

Unser Handeln und Verhalten als Führungskraft und die daraus folgende Entwicklung wird jeweils unterschiedlich aussehen, je nachdem welche Version wir akzeptieren:

  • Die Zukunft, die wir verfolgen
  • Die Zukunft, die wir verteidigen
  • Die Zukunft die wir verändern
  • Die Zukunft die wir erzeugen

In unendlichen Spielen dürfte Variante 3 und 4 gelten


Wir müssen dazu andere Menschen finden, die mit uns den „Just Cause“ teilen. Wandel beginnt mit und braucht Führung. Ich erinnere in diesem Zusammenhang noch mal an die hier bereits häufiger zitierten und erwähnten Margaret Wheatley und Sahana Chattopadhyay. Sie appelieren an uns alle und nicht nur an einige ausgewählte Menschen den Mut zur Führung aufzubringen.

Margaret Wheatley

Sahana Chattopadhyay nennt innere Anforderungen für Führung und formuliert damit ein grundsätzlich anderes Führugsverständnis

  • Bewusstsein für kognitive Verzerrungen und Muster
  • Empathie für unseren inneren Ängste
  • Das wir uns von unserem inneren Kompass führen lassen
  • Komfort mit Unsicherheit
  • Das wir das Leben nicht mehr geteilt erfahren (z.B. Berufs- und Privatleben)

Führung sollte dann geprägt werden von

  • Unserem Glaube an das unerschütterliche Potential von Menschen
  • Dem Prinzip Wirkung immer vor Beeinflussung zu stellen
  • Verstehen von Vernetzung und Interdependenz
  • Aus einem offenen Geist, offenen Herzen, offenen Willen heraus operieren:
  • Dem Vertrauen auf Emergenz

Leichter gesagt als getan

Wir alle spielen tagtäglich eher nach den Regeln endlicher Spiele. Die Menschen, die wirklich unendliche Spiele spielen sind rar und sehr wahrscheinlich spielen auch diese Menschen immer eine Mischung aus endlichen und unendlichen Spielen, je nach Kontext und Objekt des Spiels. Biologisch gesehen sind wir darauf ausgerichtet Sicherheit anzustreben.

Dennoch zeigt das Buch von Simon Sinek so etwas wie ein Prinzip für das neue Jahrzehnt und unsere Zukunft auf. Unendliche Spiele folgen anderen Regeln und Prinzipien. Die Herausforderungen des neuen Jahrzehnts zwingen uns in diese unendlichen Spielen. Schritt für Schritt kann jeder mit der Veränderung beginnen und andere Menschen dadurch inspirieren. Um so länger wir unsere Kraft und Intelligenz in endlichen Spielen verschwenden, desto weniger Gewinner wird es auf dieser Erde noch geben. Wir brauchen die Erde, diese aber nicht uns.


Hier gibt es schon die deutsche Version:

Das unendliche Spiel. Strategien für dauerhaften Erfolg von Simon Sinek



Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Frank Tiefel

    Hallo Boris, vielen Dank für den sehr inspirierenden Beitrag. Mit das Beste was ich die letzten Jahre in einem Blog gelesen habe. Ich habe das Buch förmlich verschlungen.
    Viele Grüße
    Frank

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