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Unbanking und Verlernen

Erste noch ungeordnete Gedanken zu Unbanking und Verlernen. Ordnung schaffende Kommentare erwünscht

Die Winterausgabe der gdi-Impuls hat mich inspiriert. Dort hat man sich mit der englischen Vorsilbe „UN“ beschäftigt, die uns ja im Social Media Kontext durch Begriffe wie „unfollow  oder „unfriend“ sehr häufig begegnet. Bei twitter bin ich beispielsweise mehr damit beschäftigt zu unfollowen als zu followen. Unfriend war – so steht es in der gdi_Impuls – sogar das Wort des Jahres 2009 in England.

Die beinahe inflationäre Verwendung der Vorsilbe findet seinen Grund wohl in einem Trend zur Unzufriedenheit mit dem Althergebrachten und dessen offenbar werdende Krisenhaftigkeit. Die alten Begriffe, Sichtweisen, Problemlösungen usw. führen uns verstärkt in Sackgassen und wir beginnen zu spüren, dass auch das Vertraute und Unhinterfragte wieder auf die Tagesordung muss. Das bereitet Probleme. Weil ja zumindest Zeit benötigt und  Unsicherheit erzeugt wird. Für die dann wiederum nicht auf herkömmliche Problemösungen und noch nicht mal typische Sicherheitsproduzenten wie Staat und Institutionen zurückgeriffen werden kann.

Wir leben in einer Zeit in der Erneuerung gefordert ist. Sind aber dazu ausgebildet zu verbessern, also Vorhandenes und Althergebrachtes irgendwie den neuen Anforderungen anzupassen.

Umair Haque hat im vergangenen Jahr den Begriff  und die reale Wirkung von „Innovation“ auf den Prüfstand gestellt und dabei den Begriff „Unnovation“ geprägt

Most innovation, well, isn’t: it is „unnovation,“ or innovation that fails to create authentic, meaningful value.

Wenden wir die Vorsilbe „UN“ mal auf die Finanzbranche an. Sprechen wir kurz über Unbanking. Nehmen wir dann aber direkt noch die Vorsilbe „Ver“ mit ins Gepäck. Denn in Verbindung mit dem Wort lernen, entsteht eine Tätigkeit, die uns eventuell weiter helfen könnte. Wäre der Begriff „Unbanking“ in einer Phase des (zumindest gewünschten) Übergangs in eine anderes Banking nicht sehr hilfreich.

UN“ symbolisiert den Beginn eines Wandels. Durch die Vorsilbe UN erfolgt der Bezug auf eine Vergangenheit, die in vielerlei Hinsicht mehr Probleme als Lösungen geschaffen hat, auch wenn diese Probleme 1. Nicht alle Menschen gleichermassen betraf oder betrifft und 2. Diese Probleme lange Zeit nicht wahrgenommen wurden und auch heute noch 3. zu verdrängen gesucht werden

Unbanking wäre dann in Anlehnung an Unnovation: Banking that fails to create authentic, meaningful value.

Banking wäre dann wohl das Gegenteil

Das hört sich doch einfach an.  Ist es aber wohl nicht, wie uns die letzten Monate gezeigt haben. Offensichtlich gibt es jedoch eine größer werdende Zahl von Menschen und Unternehmen, die sich durchaus Gedanken darüber machen: Welche Finanzdienstleistungen wirklich authentischen und bedeutsamen Wert für Menschen produzieren und welche Aufgaben Banken übernehmen sollten.

Unbanking bietet als Begriff auch die Möglichkeit bei der Suche nach Lösungen nicht nur in die Zukunft und ausschliesslich nach dem Neuen zu schauen. Er verweist darauf, dass auch in dem Banking – welches heute sofort unter dem Generalverdacht der Gier, Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit steht – gute und erhaltenswerte oder eventuell wieder zum Leben zu erweckenden Bestandteile stecken. Dies würde dann z.B. bedeuten, dass Banken, deren traditionellen Werte, im Zuge der Bankindustrialisierung und des weltweiten Wettbewerbs über Bord gegangen oder die in Vergessenheit geraten sind, wieder den Mut haben könnten und sollten sich zu diesen Werten zu bekennen und diese als Wettbewerbsvorteil sehen können und wieder sehen können sollten.

Um Social Banking zu betreiben, muss möglicherweise gar keine neue Bank gegründet werden. Natürlich ist es wünschenswert , wenn neue Player mit genau diesem Ansatz in den Markt treten. Für die traditionell den Menschen und deren Bedürfnissen näher stehenden Banken sollte „Unbanking“ aber gerade auch auf die Möglichkeit hinweisen, wieder zu sich selbst zu finden und dies auch entsprechend selbstbewusst darzustellen.

Dafür reicht  es dann allerdings nicht aus die Lösung in einer Verstärkung von Marketing Aktivitäten zu suchen. Offener Dialog unter Mitarbeitern aber auch mit Kunden und Verbrauchern wäre der richtigere Weg. Man brachte und bei, dass es nicht schlimm ist Fehler zu machen, wenn später zu diesen steht und daruas lernt. (Dennoch gibt es keine etablierte Irrtumskultur in Deutschland) Wenn ein Mensch allerdings immer wieder den selben Fehler macht, dann nimmt dasss Misstrauen in die Person zu. Da kann diese Person noch so häufig ausrufen, Sie sei selbst in der Lage ihr Handeln zu verändern.

Nur ein Beispiel: Ein neues Logo und das Hinzuziehen des Marktforschungs Orakels (Commerzbank) zeugt nicht von tatsächlicher Veränderung. Der offene Dialog mit den Kunden und zwar mit allen Kunden wäre eine tatsächliche Veränderung.

Kleine Bemerkung: Marktforschung ist immer ein wenig hinterher und dieses wenig wird im Zeitalter des Echtzeitinternets immer grösser

Ein Kundenbeirat ist zwar keine schlechte Idee. Aber auch dieser ist eben nur  ein Werkzeug aus der Kategorie 1.0

Auch Kampagnen, welche die eigentlichen Fragen nicht aufwerfen oder das Thema Finanzen ganz ausklammern, sind zumindest hinterfragbar.

Was uns an der Veränderung hindert, ist unsere Vergangenheit und eine besondere Fähigeit. Wir wissen wie man lernt, aber niemand hat uns im Elternhaus, in der Schule oder an der Universität beigebracht wie man wieder verlernt. Die meisten Dinge, die sich in unserem täglichen Leben ereignenm, die meisten Handlungsweisen, die wir praktizieren, sind so tief in uns angelegt und so unhinterfragt, dass wir sie – selbst wenn sie kurzfristig (z.B. durch externe Stimuli) wieder ins Bewusstsein geraten – nicht oder nur sehr schwer verändern können. Darüber hinaus ist die Vergegenständlichung der menschlichen Handlungen so weit fortgeschritten, dass ein Zurück oder ein Anders Handeln, kaum funktionieren würde.

Verlernen ist die uns weitgehend fehlende  Schlüsselkompetenz zur Veränderung. Diese Schlüsselkompetenz müssen wir ( die wir vor dem Internet, vor der Klimakrise und vor der Finanzkrise geboren wurden) schleunigst erlernen.

Hinzu kommen muss die Fähigkeit, die von der jungen Generation hervorgebrachten Ideen und Veränderungen zu akzeptieren und zu fördern. Zweifeln ist erlaubt, diskutieren erwünscht und notwendig. Wir dürfen diese Produktivität nicht durch unsere mangelnde Fähigkeit zur Veränderung und der Angst vor der Zukunft erdrücken. Wir müssen unsere Erfahrungen mit der spielerischen Entdeckungsfreude der jungen Menschen verbinden. Alles ist kontingent. Nichts ist für die Ewigkeit und was heute richtig ist kann morgen schon falsch sein. Noch nie war das Tempo der Veränderung so schnell.

Clay Shirky bringt diese Erkenntnis in seinem herausragenden Buch: Here comes everybody auf den Punkt:

When I spend time  thinking about technology, I now spend more energy on weeding than planting, which is to say more energy trying to forget the irrelevant than learning about the new

Meanwhile, my students, many of whom are fifteen years younger than me, don´t have to unlearn the thousands of things I do, because they never had to learn them in the first place.

Machen wir uns grundsätzliche Gedanken darüber, warum es uns in der Finanzbranche immer weniger gelingt wirkliche Werte zu produzieren. Lernen wir zu verlernen und hinterfragen wir auch die Dinge, die uns allen so selbstverständlich erscheinen. In dieser Phase ist alles erlaubt.

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Anette Rehm

    Hallo Herr Janek,

    grundsätzlich bin ich bei Ihnen, nur ein Satz findet nicht meine Zustimmung: „Ein Kundenbeirat ist zwar keine schlechte Idee. Aber auch dieser ist eben nur ein Werkzeug aus der Kategorie 1.0“
    Ich habe „2.0“ immer so verstanden – Kunden übernehmen die Macht. Kunden beeinflussen durch ihr Verhalten, ihre Aussagen, ihre Kommentare und Communities (um wieder den Weg ins Netz zu finden) das, was ein Unternehmen machen sollte. Daher war für mich der gute alte „Kundenbeirat“ zumindest ein „1.5“-Instrument, wenn nicht gar der Vorreiter der „2.0“-Welle.
    Gruß Anette Rehm

    • electrouncle

      Hallo Frau Rehm,

      auch ich halte einen Kundenbeirat für eine gute Sache, denke nur, dass es heute – aufgrund der technologischen Weiterentwicklungen – durchaus viel mehr und optimalere Möglichkeiten gibt, die Kunden einzubeziehen. Man muss ja auch berücksichtigen wer darüber entscheidet, welche Personen in einem solchen Kundenbeirat sitzt. Es gibt ja keine institutionelle Verankerung eines Kundenbeirates und damit auch keine Kontrolle durch eine neutrale Stelle.

  • Anette Rehm

    Hallo Herr Janek,
    Ihren Kritikpunkten am Kundenbeirat stimme ich voll und ganz zu. Mir ging es nur darum aufzuzeigen, dass m.E. die Kundeneinbeziehung schon ein erster Schritt in Richtung „2.0“ war – so wie ich es verstehe. Nicht mehr Unternehmen geben den Takt an, sondern Kunden geben Impulse, tauschen sich aus und bestimmen Trends. 2.0 ist für mich nicht Technik; diese unterstützt und ermöglicht, aber inhaltlich hat sich doch in den letzten 10 Jahren eine Revolution abgespielt. Noch vor 10 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Unternehmen so schnell und nachhaltig (negativ oder positiv) einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird wie durch den schnellen Austausch via Twitter, Blogs usw. Ein Kundenbeirat sind 10 Leute, deren Ergebnis wird irgendwann einmal auch realisiert … in Twitter kriegt man schnell Tausende von Feedbacks. Das Prinzip ist aber gleich. Feedback vom Kunden. Die wichtigere Frage ist dann aber: Hören die Banken auf die Kunden? Und da muss sich glaube ich noch Eniges bewegen …

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