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Lothar Lochmaier beantwortet 6 Fragen mit Zusatzfrage

In meiner Interviewreihe diesemal ein Interview mit Lothar Lochmaier. Lothar Lochmair betreibt den Wirtschaftsblog Social Banking 2.0 und schreibt als freier Autor für verschiedene Online- und Offline Publikationen. In Kürze wird sein Buch „Die Bank sind wir: Chancen und Perspektiven von Social Banking erscheinen. Ich freue mich sehr, dass er die Zeit gefunden hat meinen Fragen ausführlich zu beantworten

Wie fühlt man sich, wenn man ein so interessantes und aufreibendes Buchprojekt beendet hat?

Die Betonung liegt tatsächlich auf dem Wort beendet hat, oder um es mit anderen Worten auszudrücken: Ein Buch zu schreiben ist dann eine tolle Sache, wenn es fertig ist. Zuvor gilt es allerdings einige Hürden und Klippen zu nehmen, gerade wenn es sich um ein neues Thema handelt, bei dem man selbst einen kreativen Prozess erst in Gang setzen muss. Der Autor selbst, wenn er sich wirklich Mühe gegeben hat, kann ein Buch also erst genießen, wenn er es beendet hat. Aber selbst dann würde man es immer wieder verbessern. Geholfen hat mir mein Weblog Social Banking 2.0, das für mich eine Art begleitendes Tagebuch zum Buch geworden ist. Das hat mich immer wieder motiviert, gerade weil dadurch ein permanentes Feed back durch andere Blogger und Leser entsteht, und der Buchschreiber nicht isoliert im eigenen geistigen Elfenbeinturm vor sich hindümpelt. Letztlich also kann man sagen, ohne das Weblog hätte ich auch das Buch nicht geschafft.

Denn die Anforderungen waren gerade bei dem komplexen Thema „Social Banking“, das ja irgendwie alles und nichts aussagt, sehr hoch. Es genügt nicht, nur von anderen bereits existenten Texten die zentralen Zusammenhänge zu übernehmen, also nur ein paar einfache Puzzleteile zusammen zu setzen. Social Banking in seinen unterschiedlichen Facetten ist echtes Neuland, und keiner kann heute sagen, in welcher Art und Weise die neuen Ansätze unsere Bankenlandschaft in den kommenden Jahren prägen. Ich selbst habe das Buch aber gerade deshalb geschrieben, weil ich von der grundsätzlichen Richtung überzeugt bin, nämlich dass sich bessere Geschäftsmodelle im Private Banking als die bisher von oben herab Regierten durchsetzen.

Die hauptsächliche Schwierigkeit beim Buchschreiben bestand für mich darin, zwischen einer einfachen Schwarz-Weiß-Sichtweise der Bankenwelt hindurch zu navigieren. Denn einerseits kann man Bankmanager nicht pauschal in Grund und Boden verdammen – auch sie sind ein Teil unserer Gesellschaft und da gibt es noch viel mehr andere Baustellen, die sich von der Realwirtschaft entfernt haben. Andererseits, und das ist die zweite große Klippe, lassen sich neue Ansätze, die sich mit Schlagworten wie nachhaltiger Geldanlage, Peer-to-Peer-Banking oder Social Media verbinden, nicht vorschnell als neues Allheilmittel gegen Spekulationsblasen und Misswirtschaft glorifizieren.

Die Schwierigkeit besteht also darin, ohne in diplomatische Floskeln zu verfallen, einen Mittelweg zwischen der Beschreibung des Ist-Zustands, dem Aufzeigen von Alternativen, die aus der Mitte der Gesellschaft heraus entstehen, und schließlich einigen visionären Ausblicken zu schaffen. Und das Ganze soll ohne großes Fachkauderwelsch noch leicht leserlich und verdaulich sein. Dieser Anspruch lässt sich nur durch eine fundierte Sachanalyse einlösen, die freilich jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei alles andere als einfach ist.

Muss man ein Buch schreiben, wenn man in Deutschland als Experte gelten möchte und Aufmerksamkeit bekommen möchte?

Nicht unbedingt, es gibt da viele unterschiedliche Blickwinkel. Sicherlich ist es einfacher zum Experten über den Glanz einer Institution oder eines renommierten Unternehmens zu werden, wo dann das Buchschreiben nur noch ein zusätzliches Element der Eigenwerbung und Marketing darstellt. Ich jedoch agiere unabhängig, ohne an ein Medienhaus oder eine Einrichtung angebunden zu sein.

Man kann es auch so sagen: Um überhaupt als einzelne Person in der lärmenden Medienwelt auf sich aufmerksam zu machen, ist eine Vielzahl von Aktivitäten erforderlich. Fachartikel schreiben, regelmäßig bloggen, bis hin zum Buch schreiben, das sind alles Elemente, die nützlich und sinnvoll sein können. Als „Experte“ sollte man gerade die innere Unabhängigkeit schätzen, sie ist der Nährboden für eine kreative und leidenschaftliche Vorgehensweise ohne die berühmte Schere im Kopf.

Ansonsten gilt für alle „Insider“, „Experten“ und „Gurus“ eine Faustregel: Man sollte sich selbst nicht so wichtig nehmen, denn heute ist der Gedanke, sich mit anderen Experten und Lesern auf Augenhöhe zu vernetzen, viel bedeutender, als der Glaube, man hätte etwas Besonderes ganz allein erfunden. Insofern also ist eine Prise Humor und Distanz zur eigenen Bedeutung ganz hilfreich, um den eigenen Status als oftmals ja nur „selbst ernannter Experte“ nicht über zu bewerten. Denn es wimmelt heute ja fast überall von epochaler Individualität und bahn brechender Kompetenz. Vor lauter „Alleinstellungsmerkmalen“ fehlt es dann oftmals am gemeinsamen Nenner.
Können Sie bitte kurz die wesentlichen Thesen Ihres Buches darstellen?

Zunächst einmal sollte man zu hoch geschraubte Erwartungen etwas auf den Boden der Tatsachen zurück holen. Weder kann ich einen bahn brechenden Lösungsweg zur Fremd- und Selbstregulierung der Bankenbranche nach der Finanz- und inmitten der Wirtschaftskrise anbieten. Noch kann ich neue Ansätze, die sich mit der dezentralen Aufstellung des Web 2.0 verknüpfen, uneingeschränkt als neuen Leitstern im Bankenhimmel anbieten. Was aber sehr wohl die Aufgabe ist, das ist es bislang noch nicht so präsente Zusammenhänge, die sich mit dem Begriff Social Banking verbinden, im Bedeutungswandel und in seinen unterschiedlichen aktuellen Ausprägungen zu beschreiben. Das allein ist schon eine ziemlich herausfordernde Arbeit, die ich auf meinem Weblog in einem eigenen Beitrag zum kreativen Schreibprozess hier beschrieben habe. http://lochmaier.wordpress.com/2010/02/10/wie-man-ein-buch-uber-social-banking-schreibt/

Die Botschaften oder Thesen lassen sich aber nicht auf ein paar Sätze reduzieren. Deshalb lieber zum Konkreten: Das Buch ist in sechs überschaubare Teile gegliedert. Im ersten geht es um die Einführung, wo die Defizite in der Bankberatung liegen. Danach folgt ein eher historisch angelegter Teil, der die Entstehung und den Bedeutungswandel des Begriffs „Social Banking“ beleuchtet. Dann analysiere und beschreibe ich die neuen Ansätze im Peer-to-Peer-Banking, zunächst die unterschiedlichen Plattformen in der sozialen Kreditvergabe und danach die finanziellen Netzwerke. Das ist ja schon ein kleiner Mikrokosmos, der allmählich immer weitere Bahnen zieht.

Im folgenden Teil versuche ich aus den aktuellen Trends Schlüsse zu ziehen, also zu zeigen, welche Nutzer tummeln sich mit welchen Motiven auf welchen Plattformen. Hierbei muss man natürlich auch wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Behavioral Finance bzw. genauer gesagt, aus der empirisch fundierten Finanzsoziologie heranziehen, um hier eine Brücke zwischen Anlage- und Konsumverhalten und dem Lebensstil unter dem Einfluss neuer Medien heraus zu kristallisieren. Den üblichen Jargon, wie toll Social Media und das Web 2.0 auch in der Finanzwelt doch sind, das relativiert sich bei genauerer Betrachtung, welche Rolle Geld bei wem abhängig vom eigenen Verhalten spielt, doch ein wenig.

Im letzten Teil schließlich folgt der visionäre Teil, den ich als Versuch beschreiben würde, das Bankwesen weniger in einem rein moralischen Sinne – das geht meistens schief, vor allem dann, wenn man eine gute Absicht schlecht umsetzt – sondern in einer Rück- oder Neubesinnung wieder auf die Kundenbedürfnisse, aber auch auf die Realwirtschaft zu fokussieren. Ich habe dafür, weil mir bislang kein besserer Begriff einfiel, die Wortschöpfung „Common Banking“ verwendet. Das soll zeigen, dass gerade mit Hilfe des Internets neue Formen der Beteiligung an den Geschäftsprozessen einer Bank möglich sind, die sich mit den Begriffen Partizipation, Mitbestimmung und Transparenz verbinden. Wir stehen hier am Anfang einer spannenden Entwicklung, von der ich glaube, dass sie die Bankenlandschaft und Finanzindustrie mehr prägen wird, als sich dies einige Kulturpessimisten vorstellen, die dem Internet gerne unterstellen, dass dort nur der Geist der Manipulation und Verdummung dominierten.

Was erwarten Sie: Wird Ihr Buch etwas verändern können?

Ehrlich gesagt, das kann ich selbst nicht einschätzen. Einerseits ist die Leserschaft doch recht begrenzt. Das sind nicht einmal 10 Prozent der Bevölkerung, die potenziell dazu gehören. Andererseits: Hält die Innovation in der Bankenbranche tatsächlich Einzug, so ist der Radius plötzlich deutlich größer, und es könnten sich weit mehr Menschen für ein derartiges Thema interessieren. Wir bewegen uns mit dem Begriff „Social Banking“ gerade von einem Nischenmarkt in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Das Unvorhersehbare ist somit auch für mich gerade das Spannende. Prinzipiell glaube ich aber nicht, dass allein ein Buch etwas verändern kann, was sich nicht sowieso gerade verändert. Aber das Buch kann als Resonanzverstärker dienen, es kann Anregungen geben und Wegweiser setzen, um tiefer in die Materie einzusteigen. Wenn mein Werk diese Brückenfunktion erfüllen sollte, indem es Chancen, Perspektiven aber auch Grenzen von Social Banking in seinen unterschiedlichen Facetten ausleuchtet, so wäre ich schon zufrieden.
Wer sollte Ihr Buch lesen?

Die Zielgruppen sehe ich relativ breit. Zum einen sind es natürlich die Innovationsmanager in den Banken, die sich damit auseinandersetzen sollten, vor allem um den bislang sehr technik- und effizienzfokussierten Blickwinkel durch eine breitere Sichtweise zu ersetzen, bei der die Bank nicht neben der Gesellschaft herläuft, sondern mitten in sie eingebettet agiert. Auch die Aus- und Fortbildung oder das Personalmanagement könnten die eine oder andere Anregung erhalten, gleichwohl es keine Blaupause wie bei einem Lehrbuch für ein neues Bankensystem geben kann.

Eine weitere Zielgruppe sind sicherlich die Berater in Sachen Social Media und Web 2.0. Allerdings ist das Buch weder für die einen noch für die anderen eine Art Steilvorlage, denn auch Social Media im Bankenbereich ist kein Selbstläufer, den man mit ein paar netten Twitter-Aktivitäten und einem bunt aufgemachten Weblog oder einem Facebook-Account produktiv in Gang setzen kann. Dazu bedarf es mehr, nämlich einem umfassenden Verständnis der Geschäftsprozesse einer Bank.

Eine dritte Zielgruppe sind diejenigen, die sich bereits aktiv mit den neuen Ansätzen von Peer-to-Peer- oder Community-Banking beschäftigen. Das sind die handelnden Akteure und die Avantgardisten, die eventuell die eine oder andere nützliche Zusatzinformation in dem Buch in gesammelter Form finden, oder aber vielleicht sich selbst in eine größere gesellschaftliche Bewegung und Entwicklung eingruppiert wieder finden, was den Horizont an der einen oder anderen Stelle erweitert.

Und als letzte Gruppe in der potentiellen Leserschaft ist der ambitionierte Leser einer Tageszeitung oder Wochenzeitschrift interessant, der sich intensiver mit Geldfragen beschäftigt, und dabei auch hinter die Kulissen der „Black Box Bank“ blicken will.
Wie wichtig ist eigentlich Social Media für Social Banking?

Es ist wichtig, dass eine Bank auf Social Media setzt, aber nicht das Allerwichtigste. Wenn es nur zum Window dressing dient, den Kunden zu befragen und mit in das Bankgeschäft einzubinden, ist der Ansatz von vorne herein verfehlt. Das Internet ist kein reiner Vertriebskanal. Natürlich muss eine Bank ihre Gewinnabsichten nicht verleugnen, aber sie muss bereit sein, sich nicht nur dem Dialog auf Augenhöhe mit dem Kunden zu öffnen, sondern sich auch aktiv mit Kritik auseinanderzusetzen. Und das ist schon etwas Schwieriges für eine Bank, die es gewohnt war, die Produkte in den Markt hinein zu treiben, ob es der Kunde wollte oder nicht. Am Ende bekam er im Massengeschäft das, was die Bank wollte, und nicht umgekehrt.

Durch die neue Transparenz und die zahlreichen Diskussionsmöglichkeiten im world wide web und in den einschlägigen sozialen Netzwerken hat sich das geändert. Social Media gewinnt an Stellenwert und gleichzeitig schrumpft der Markt. Wer sich jetzt in dieses Feld hineinwagt und hier Chancen sieht, anstatt sich abzuschotten, ist deutlich im Vorteil. Viele Geldinstitute hoffen jedoch, dass sie nach der Finanzkrise weiterhin ihre provisionsträchtigen Produkte in den Markt bringen können, ohne mit dem Kunden in einen offeneren Dialog zu treten. Schließlich sind es vor allem konventionelle Banken gewohnt, möglichst wenig von ihrer Finanzpolitik nach außen zu tragen.

Warum aber das Neue abblocken, lieber kreativ bloggen, so lautet durchaus meine provokante Gegenthese: Wer das Vertrauen der Kunden jetzt gewinnen kann und über einen längeren Zeitraum beweist, dass er dies rechtfertigt, hat einen deutlichen Wettbewerbsvorteil, gerade in einem schrumpfenden Markt, bei dem rein defensive Strategien ausgedient haben. Und Social Media ist sozusagen das Instrument, um das Vertrauen der Kunden herzustellen und zu binden.

Und die Zusatzfrage:

Wie entspannt man, wenn man ein Buch schreibt? Vielleicht mit Musik? Welche Musik haben Sie besonders gerne gehört, während Sie das Buch geschrieben haben?

Mit Musik entspannen, das funktioniert ehrlich gesagt, wenn man mitten im Buch drin steckt, nicht wirklich. Ab und an habe ich selbst zur Gitarre gegriffen, und mich einfach von der einen oder anderen Melodie treiben lassen, um mal auf andere Gedanken zu kommen. Ich singe und bastle ganz gerne mal an balladenartigen Klängen, Richtung spanisch-südamerikanischen Einflüssen. Einer meiner Lieblingssongs: Joaquin Sabina – Pongamos que hablo de Madrid, etwa hier auf Youtube anzuhören:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=2Hl1Km-dhUk]

Es fehlt aber noch ein Song zum Social Banking. Da hatte ich noch keine Idee. Ansonsten höre ich ganz gerne gute und schwungvolle Musik so Richtung Swing Latin-Touch, bin aber auch offen für viele andere Stilrichtungen, so dass es hier unzählige Möglichkeiten gibt, die Gedanken gerade mit Musik zum Fliegen zu bringen, wenn man sich in den Niederungen des Alltagshamsterrads immer wieder mal festgebissen hat.

Aus der ruhigeren Ecke, die man zum Buchschreiben ab und an mal sucht: Ein weiterer musikalisch-philosophischer Rettungsanker zum Entspannen jenseits dessen, was man unter „Relaxen“ versteht, ist das Song von Almir Sater, der im Song „Terra de Sonhos“ den Sonnenaufgang und das Erwachen im brasilianischen Pantanal beschreibt. Ein fantastischer philosophischer Sound der mit seiner musikalischen Einfachheit überzeugt, ein Orchester der Naturstimmen. Das weckt auch hierzulande im überzivilisierten High-Tech-Arbeitszimmer, wieder müde Lebensgeister auf. Hier auf Youtube mit gutem Kopfhörer anzuhören, in einer allerdings nicht vom Autor selbst gemachten Bildversion:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Vj4oCRUbrno]

Zum nachlesen: Die anderen Interviews

Suitbert Monz

Dr. Harald Meissner

Mustapha Behan

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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