title

Blog

Irritationen und 6 Dinge, die ich daran hasse „Lost in Social Media“ zu sein

In meinem bezahlten Job beschäftige ich mich mit dem Internet und mit Online Marketing. Die Brille, durch die ich diese Themen betrachte und behandle ist jedoch in zwei Dimensionen eingeschränkt. Einerseits kann ich die Diensleistung immer nur regional anbieten und andererseits darf ich auch nur für Banken einer Bankengruppe tätig werden. Einen großen Teil der sich so rasant verändernden Internet und Marketing Welt muss ich bei meiner täglichen Arbeit damit sozuagen außen vor lassen.

In der täglichen Arbeit mit regional ausgerichteten Banken kommt ein weiterer einschränkender Aspekt hinzu. Bei vielen meiner Kunden oder potentiellen Kunden ist das Internet als Vertriebs-, Marketing und Dialoginstrument noch gar nicht richtig angekommen. Die klassische regionale Filialbank konnte lange Jahre aus dem vollen Schöpfen und davon ausgehen, dass die neuen Kunden ohne aktive Vertriebsansprache als Interessenten in die Bank kamen. Früher wurden Bankverbindungen nicht frei gewählt – obwohl dies natürlich möglich war – sie wurden vielmehr ansozialisiert. Es ist noch gar nicht so lange her, da wählten die Kinder automatisch die Bankverbindung der Eltern, es sei denn ihnen war nach Rebellion.

Der Markt – also das Angebot – war noch dazu lange Jahre recht übersichtlich. Banken waren in unserer Vorstellung recht nah an staatlichen Institutionen, weshalb lange Zeit das Wort vom Bankbeamten zu unserem Sprachgebrauch gehörte.

Spätestens mit dem Aufkommen der ersten Internet gestützten Direktbanken war es mit der guten alten Zeit vorbei. Das warten auf Kunden wurde zur Geduldsprobe. Immer weniger Verbraucher kamen ohne vertriebliche Ansprache noch in die Bank und wenn sie dann mal kamen, kehrten sie immer häufiger – nach Erledigung ihrer Transaktionen – an den Selbstbedienungsfestungen einfach wieder um, ohne dem Bankmitarbeiter die Chance zu geben, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Diese Veränderung machte den aktiven Vertrieb zur Überlebenssache. Bankmitarbeiter mussten lernen ihre Produkte attraktiv darzustellen und aktiv den Verbrauchern anzubieten. Mehr Anbieter und noch mehr Produkte waren und sind die Folge.

Auch wenn das Internet schon ein alter Hut ist, so ist es in der Alltagspraxis  vieler klassischen Filialbanken doch noch eine recht neues Gebiet. Natürlich haben auch die Volksbanken Raiffeisenbanken und Sparkassen schon sehr lange eigene Internetseiten und immer mehr bieten auch den Direktverkauf von Produkten im Internet an. Aber wenn man mal ganz ehrlich ist, dann ist die Welt in diesen Banken immer noch recht traditionell geprägt. Das Internet ist noch nicht im Zentrum angekommen und Multikanal muss  noch lange nicht bedeuten, dass alle Kanäle gleich oder entsprechend ihrer Bedeutung für den Endkunden bewertet werden. Das kann man dann auch in ganz handfesten und praktischen Erfahrungen darstellen: Ein Online Marketing Workshop bei einer Bank bringt nur in den seltensten Fällen auch Vorstände oder Abteilungsleiter mit an den Tisch. Und wenn diese dann einmal mit am Tisch sitzen, merkt man recht schnell, dass die Bedeutung, die das Internet für sie hat, eine ganz andere als die persönliche ist.

Und dann kommt es regelmässig zu Irritationen. Da steht Jemand – nämlich ich – für den das Internet absolut zentrale Bedeutung hat und diese Bedeutung geht auch weit über das Berufliche hinaus. Dieser Jemand – der ehrlicherweise keine Bankausbildung besitzt und auch noch nie in einer Bank gearbeitet hat – erzählt den gestandenen Bankprofis (auf der anderen Seite), dass das Internet das wichtigste Medium der Gegenwart und Zukunft ist und das es da außerdem noch so etwas wie Social Media gibt und dieser soziale Aspekt der Technologie ihre tägliche Unternehmens- und Arbeitspraxis fundamental verändern werde.

Mal ganz ehrlich: Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn man für einen Spinner gehalten wird. Ich, der ich noch nie ein Kundengespräch geführt habe, erkläre dem Bankmitarbeiter wie seine Zukunft aussehen wird,  ohne seine Gegenwart richtig zu kennen und zu verstehen.

Deswegen ist an dieser Stelle mal ein wenig Demut angebracht:

  • Wenn ca. 42 Millionen Deutsche das Internet nutzen, dann gibt es offensichtlich immer noch ca. 40 Millionen, die das Internet nicht nutzen.
  • Wenn 47 % der deutschen Internetnutzer Mitglied in einem sozialen Netzwerk sind, dann gibt es immernoch über fünfzig %, die dies nicht sind.
  • Wenn ca. 150.000 Deutsche twitter nutzen, dann gibt es über 80 Millionen Deutsche, die dies noch nicht tun.
  • Wenn 61 % der deutschen Internetnutzer bereits selber Inhalte ins Internet gestellt haben, dann gibt es immerhin noch 39 %, die dies noch nicht getan haben + diejenigen, die das Internet gar nicht nutzen.
  • Auch wenn sich Menschen im Internet über Unternehmen, deren Produkte und Services sowie über Marken austauschen, kann man insbesondere für Deutschland feststellen – so viel wird gerade über Finanzen und Finanzunternehmen auch noch nicht kommuniziert.
  • Und auch wenn Banken aktuell bei vielen Verbrauchern unten durch sind, werden daraus doch immernoch recht wenig Konsequenzen gezogen.

Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass wir das Tempo mit welchem  sich neue Veränderungen einstellen häufig überschätzen, deren zukünftige Konsequenzen aber eher unterschätzen. Mit anderen Worten: Durch meine Brille betrachtet, müssen Banken ganz schnell den Internetkanal in den Mittelpunkt ihrer täglichen Praxis stellen. Meine Brille ist jedoch eben meine Brille und ich neige wahrscheinlich dazu, die Bedeutung dessen, was mich tagtäglich beschäftigt ein wenig zu überschätzen. Als gestandener Banker muss man nicht unbedingt twittern, bei Facebook und auf Xing sein. Kurz- und mittelfristig werden Banken die dies nicht machen nicht vom Markt verschwinden, wettbewerbsfähiger oder weniger wettbewerbsfähig sein. Und auch für das klassische Marketing und –Internetmarketing gibt es noch Platz. Meinen Neffen zum Beispiel, den würde ich weder über twitter noch über ein soziales Netzwerk und auch nur sehr schwer per Mail erreichen, dabei ist er  zwanzig Jahre jünger als ich und mit dem Internet aufgewachsen.

Das wollte ich einfach mal zu bedenken geben.

Und hier noch 6 Dinge, die ich daran hasse Lost in Social Media zu sein:

  1. Vorsicht Suchtgefahr
  2. Überbewertung der eigenen Sichtweise
  3. Informationsüberflutung
  4. Gefahr den falschen Personen, Dingen und Wegen zu folgen
  5. Es geht ganz schön viel Zeit verloren
  6. Es geht alles viel zu schnell

Es ist deshalb auch legitim Social Media so zu bewerten

3416499335_d43c9dc2fc

Quelle: http://www.flickr.com/photos/happywookie

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

Post A Comment

 

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Kontoinformationen und Überweisungen per Twitter

Vantage Kredit Union aus den USA wartet mit einem spannenden Twitter Dienst auf, der andeutet, welches Potential in Social Media...

Schließen