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Interview Lasse Kroll Cuckoo

Interview Lasse Kroll. Cuckoo

Die genossenschaftliche Bewegung erfährt eine Renaissance. Tiefe menschliche Werte sind die Basis für eine digitale Genossenschaftsbewegung, die unter dem Begriff „Platform Coop“ weltweit Fahrt aufnimmt. Großbritannien hat inzwischen einen genossenschaftlichen Startup Fonds, die Schweiz und neuerdings auch die USA (https://start.coop/). Selbst bzw. vielleicht auch gerade im Land des Neo Liberalismus ala Silicon Valley entwickelt sich eine neue Gründerbewegung. Auch wenn die deutsche Politik und Wirtschaft wie immer etwas länger schläft, gibt es aber auch hier viele Gründer und Innovatoren, welche der genossenschaftlichen Bewegung gut tun. In diesem Interview mit Lasse Kroll, welches nichts mit Fintech zu tun hat, geht es um moderne Arbeitsformen und eine Genossenschaft mit Namen Cuckoo eG, die hier national und international viel bewegen möchte.

 


 

Erzähle uns kurz etwas zu Deinem Startup oder Deiner Gründung. Was ist Eure Lösung und welches Kundenproblem löst ihr?

Unser Startup „Cuckoo“ beschäftigt sich mit der Frage, wie es uns als Gesellschaft in Zukunft gelingt, unsere Arbeit besser an die individuellen Lebensphasen und Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Grundlage dieser Frage sind die aktuellen Veränderungen in der Arbeitswelt: Menschen werden mobiler, Lebensläufe sind nicht länger linear, Geschäftsmodelle entwickeln sich dynamischer und kooperativer, die Digitalisierung stellt Organisationsprozesse und Hierarchien infrage. Wir bieten auf B2C (Selbstständige) und B2B-Ebene Programme an, die das temporäre Arbeiten an einem anderen Ort oder in einer anderen Umgebung stark vereinfachen. Flankiert wird dies mit einer sinnvollen Vernetzung der unterschiedlichen Akteure sowie verschiedenen Beratungsdienstleistungen in einem genossenschaftlichen Rahmen.

 

 

Warum habt ihr gegründet? Was war Euer Antrieb?

Uns beschäftigt die Frage, wie sich unsere Arbeitswelt verändern wird und welche Parameter dabei relevant sind. Ausgangspunkt war unsere eigene Erfahrung mit Arbeit. Niemand aus unserem persönlichen Umfeld arbeitet in einem Konzern, wir sind mit flexiblen und selbstbestimmten Arbeitsmodellen sozialisiert worden. Für uns ist diese Herangehensweise selbstverständlich. Und gleichzeitig merken wir, dass wir gesamtgesellschaftlich betrachtet noch ganz am Anfang dieser Entwicklung stehen. Unser Antrieb ist es, einen positiven Beitrag beim Wandel der Arbeitswelt zu leisten.

 

 

Ihr habt Euch dafür entschieden eine Genossenschaft zu gründen. Warum habt ihr Euch für diese Rechtsform entschieden?

Neue Arbeitsformen und Geschäftsmodelle haben heutzutage oft einen kooperativen Charakter. Die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, das Lernen voneinander und der stetige Austausch untereinander sind zu wichtigen Erfolgsfaktoren in der Sharing Economy geworden. Dies gilt gleichermaßen für die individuelle Ebene, sprich für Selbstständige und Freiberufler, als auch für die institutionelle Ebene und somit für Unternehmen und Organisationen. Die Rechtsform der Genossenschaft bietet eine gute Basis, um diesen kooperativen Ansatz zu realisieren. Denn ein Netzwerk ist dann am nachhaltigsten konzipiert, wenn die Mitglieder und Stakeholder gleichzeitig die (gleichberechtigten) Eigentümer dieses Netzwerkes sind. Unserer Ansicht nach ist das die logische Weiterentwicklung des Plattformkapitalismus.

 

 

War es schwierig eine Genossenschaft zu gründen? Welche Hürden müsstet ihr überwinden?

Die Schwierigkeit bei einer Genossenschaftsgründung besteht insbesondere in dem hohen bürokratischen Aufwand. Dabei gilt es sich zunächst einmal mit allen Vorgaben (z.B. Anforderungen des Businessplans, Satzung, Genossenschaftsgesetz, Gründungsversammlung) auseinanderzusetzen, was trotz einer vereinfachten Recherche im Internet viel Zeit in Anspruch nimmt. Und im nächsten Schritt müssen all diese Vorgaben penibel erfüllt werden, während man nebenbei bereits den Start des operativen Geschäfts vorbereiten muss. Andere Rechtsformen, wie beispielsweise die GmbH, lassen sich deutlich leichter gründen. Nichts desto trotz hat dieser vergleichsweise hohe Aufwand im Vorfeld der eigentlichen Gründung auch Vorteile. Die Gründer werden dadurch gezwungen, sich von Beginn an sehr ernsthaft auch mit den Risiken auseinanderzusetzen, was im weiteren Verlauf der Geschäftstätigkeit das Insolvenzrisiko deutlich verringert.

 

 

Angesichts der Hürden oder ganz allgemein, was würdet ihr euch wünschen, damit das gründen von Genossenschaften einfacher wird?

Was wir uns wünschen würden, wären deutlich verbesserte Beratungsangebote, primär im Online-Bereich. Viele Webseiten von bestehenden Genossenschaften oder genossenschaftlichen Verbänden sind, gelinde gesagt, stark veraltet und unübersichtlich. Es kostet viel Zeit, um die relevanten Informationen abzurufen und es gibt keinen einheitlichen Überblick. Hier ließe sich durch verbesserte Angebote und zeitgemäße Formate, z.B. Podcasts, Tutorials oder Webinare aber auch mit einer auf genossenschaftliche Start-ups spezialisierten Webseite sicherlich viel verbessern. Damit verknüpft werden sollten gezielte Förderprogramme des Bundes und der Länder, die auf genossenschaftliche Neugründungen ausgerichtet sind und diese unterstützen. Dies könnte in Form von Gründungsdarlehen geschehen, aber auch Stipendien für (in der Genossenschaft beschäftigten) Gründungsmitglieder oder eine Eigenkapitalbeteiligung sein.

 

 

Jeremy Rifkin schreibt in seinem Buch die Null Grenzkosten Gesellschaft, dass Genossenschaften möglicherweise die einzige Unternehmensform sein wird, die in einer digitalen Ökonomie noch tragfähig sind. Wie seht ihr das?

Jeremy Rifkin geht in seiner Prognose davon aus, dass durch die Produktivitätsgewinne im Zuge der Digitalisierung viele bisherige Geschäftsmodelle obsolet werden könnten, weil die Produktion und Bereitstellung von zusätzlichen Einheiten nahezu kostenlos sein wird. In einigen Branchen ist diese Entwicklung bereits deutlich zu erkennen, so zum Beispiel in der Musikindustrie (MP3, Streaming-Dienste), bei der Energiegewinnung (P2P-Netzwerke aus Produzenten und Konsumenten von erneuerbarer Energie) oder digitalen Lerninhalten (Webinare, Tutorials). Auch der Mobilitätsbranche steht mit dem automatisierten Fahren ein gewaltiger Produktivitätsschub bevor und die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) werden zahlreiche Dienstleistungen (z.B. Banken, Versicherungen, juristische Expertise, Kunden-Support, etc.) nahezu kostenlos machen. Dies bedeutet in der Konsequenz, dass die betroffenen Unternehmen keine Gewinne mehr machen und damit auch keine Rendite für ihre Anteilseigner und Gläubiger erwirtschaften können. Für gewinnmaximierende „For-Profit-Unternehmen“, und das sind nahezu alle heutzutage tätigen Unternehmen, bedeutet diese Entwicklung zwangsläufig das Aus, denn ihr institutioneller Rahmen ist dazu konzipiert worden, den jeweils maximalen Gewinn zu erwirtschaften und an die Anteilseigner zu verteilen. Für Genossenschaften und andere Sozialunternehmen sind Gewinne hingegen nicht der Zweck, sondern lediglich das Mittel unternehmerischen Handelns. Sie sind zwar auch darauf angewiesen, dass sie kostendeckend arbeiten und etwas Gewinn für Investitionen erwirtschaften. Aber die nötigen Margen sind deutlich geringer, was sie im bevorstehenden und von Rifkin skizzierten Wandel widerstandfähiger gegenüber anderen Unternehmen macht.

 

 

Sind kooperative Unternehmensformen oder Genossenschaften die exemplarische Gründungsform postkapitalistischen Gründens. Was sind andere Instrumente, die Gründer nutzen könnten, um sozialere, nachhaltigere und weniger dem VC Wachstumszwang ausgesetzte Startups zu gründen?

Zentral sind zwei Fragen: Erstens geht es um die Konzeptionierung eines sinnvollen Geschäftsmodells, dass entweder ein soziales oder ökologisches Problem unternehmerisch lösen möchte oder mit den erwirtschafteten Einnahmen aus operativer Tätigkeit gemeinnützige Zwecke fördert. Zweitens ist es wichtig, die Finanzierung der Geschäftstätigkeit, insbesondere zu Beginn, auf eine breite Basis zu stellen und das richtige Maß an Partizipation zu ermöglichen. Beides kann dazu führen, dass das Unternehmen nicht so schnell wächst, wie es mit VC Beteiligung wachsen könnte. Allerdings ist das erzielte Wachstum im Social Business Bereich oder mit Hilfe von Crowdfunding zumeist auch deutlich nachhaltiger und langfristiger orientiert, als es bei VC getriebenen Start-ups der Fall ist. Nicht zu unterschätzen ist außerdem die positive Wirkung in der Öffentlichkeitsarbeit. Ein interessantes sozialunternehmerisches Geschäftsmodell kann, bestenfalls in Verbindung mit einer Crowdfunding-Kampagne, eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzielen. Diese kostenlose PR haben herkömmliche Start-ups nur sehr begrenzt.

 

 

Welche Rolle spielen Digitale Technologien bei der der Gründung von Genossenschaften. Gibt es Technologien die förderlich sind z.B. Blockchain oder kann es sogar sein, dass die Fähigkeit, Kooperationen einzugehen in einer Welt, die sich vom Business Model Design zum Value Design entwickelt- sogar wichtiger als Daten werden?

Der Zugang zu und die Nutzung von Daten wird in der digitalen Ökonomie der Zukunft immer eine herausragende Rolle spielen. Allerdings werden sich die Nutzung und der Zugriff auf die Daten womöglich verändern. Derzeit haben einige wenige private Unternehmen eine immense Marktmacht und damit exklusiven Zugriff auf die Daten von vielen Millionen Menschen. Es kann durchaus sein, dass sich durch staatliche Regulierung einerseits, durch neue Technologien wie die Blockchain andererseits, die derzeitigen Daten-Monopole unter Druck geraten und dezentrale, kooperative Strukturen die Oberhand gewinnen. Die kooperative Nutzung von Daten, nicht nur zwischen Unternehmen sondern auch zwischen Unternehmen und Endkunden, hat in jedem Fall sehr viel Potenzial.

 

 

Was würdet ihr herkömmlichen Genossenschaften empfehlen im Hinblick auf die digitale Ökonomie? Was wünscht ihr Euch von Ihnen?

Herkömmliche Genossenschaften haben primär zwei gemeinsame Probleme: ihre internen Strukturen und ihre Geschäftsmodelle sind oftmals in die Jahre gekommen und nicht an die Herausforderungen, aber auch an die Chancen der digitalen Ökonomie angepasst. Zu empfehlen ist eine grundsätzliche Erneuerung, zu der auch die Frage gehört, wie man das größte Potenzial einer jeden Genossenschaft, nämlich die Mitglieder, wieder besser einbinden kann. Viele Genossenschaften sitzen regelrecht auf einem Schatz an Erfahrung und Wissen, ohne ihn auch nur ansatzweise für sich zu nutzen. Hier gilt es durch neue Ansätze der Partizipation, methodisch und technologisch, die bestehenden Mitglieder zu aktivieren und neue hinzuzugewinnen. Denn die Antworten auf viele Probleme der heutigen Zeit haben die Genossenschaften bereits in ihrer DNA festgeschrieben. Wir wünschen uns eine enge Kooperation und einen stetigen Austausch, von dem beide Seiten gleichermaßen profitieren werden.

 

 

Was muss passieren, damit mehr junge Gründer genossenschaftliche  Startups gründen?

Zunächst einmal müssen potenzielle Gründer viel stärker über die Rechtsform der Genossenschaft, insbesondere ihre Vorteile, aufgeklärt werden. Die allerwenigsten Menschen in unserer Generation können inhaltlich etwas mit Genossenschaften anfangen und noch weniger durchschauen den institutionellen Rahmen. Es ist auch die Aufgabe von bestehenden Genossenschaften und den übergeordneten Verbänden, an diesem Missstand etwas zu verändern. Auch in Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten sollten Genossenschaften verstärkt ein Thema sein. Und genossenschaftliche Erfolgsgeschichten, auch von jungen Start-ups, müssen intensiver in der Öffentlichkeit präsentiert werden, um ein breiteres Interesse zu wecken.

 

 

Welche Ziele verfolgt ihr mit eurem Unternehmen im nächsten Jahr?

In unserem ersten Geschäftsjahr 2018 wollen zunächst einen Testlauf in vier verschiedenen Städten in Deutschland, Europa und dem außereuropäischen Ausland starten, um unsere Dienstleistungen einem aussagekräftigen Praxistext zu unterziehen. Auch das Firmenkundengeschäft wird bereits 2018 an den Start gehen. Die gewonnenen Erkenntnisse möchten wir dazu nutzen, um das Geschäft im zweiten Geschäftsjahr 2019 deutlich auszuweiten. Dies wird planmäßig durch eine großangelegte Crowdfunding-Kampagne flankiert, um die Marke aufzubauen und an medialer Reichweite zu gewinnen. Aus dem Gründerkreis von 28 Mitgliedern sollen bis zum Jahresende 2018 mindestens 100 Mitglieder werden, 2019 dann >250 Mitglieder. Das eingeworbene Eigenkapital möchten wir für die Expansion des Geschäfts einsetzen.

 

 

Wie organisiert und führt ihr euer Unternehmen? Gibt es so etwas wie kooperative Organisations- und Führungsregeln?

Die Organisationstruktur und die dazugehörigen Prozesse werden wir im Laufe der ersten beiden Geschäftsjahre Stück für Stück aufsetzen. Dabei haben wir eine ganze Reihe von Ideen und Vorstellungen, die es nun in der Praxis zu testen gilt. Dazu gehören Modelle wie Holakratie und agiles Management, aber auch ein transparentes und gerechtes Gehaltsmodell, Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen, Eigenverantwortung der einzelnen Angestellten oder die Zertifizierung als B-Corp-Unternehmen und das Erstellen einer Gemeinwohlbilanz. Unser Anspruch ist es, von Beginn an tragfähige Strukturen aufzusetzen, unter der Beteiligung aller Stakeholder. Denn nichts ist anstrengender, als bestehende und nicht funktionierende Muster zu ersetzen, wenn sie sich erst einmal etabliert haben.

 

 

Letzte Frage: Wie wird man Mitglied und sucht ihr aktuell Mitglieder?

Mit Abschluss der Registrierung und der Eintragung ins Genossenschaftsregister im April 2018 suchen wir neue Mitglieder und wir freuen uns über jeden Interessenten. Dazu zählen nicht nur persönliche Personen, die sich für 500 € pro Geschäftsanteil bei uns beteiligen können (ohne Limitierung), sondern auch Unternehmen. Für letztere gilt die Zeichnung von zehn Geschäftsanteilen als Pflichtanteil, um als Mitglied in die Genossenschaft aufgenommen zu werden. Darüber hinaus gibt es auch die Option einer Fördermitgliedschaft. Die Geschäftsanteile der Fördermitglieder werden mit einer Mindestverzinsung von 2% p.a. bedacht, zzgl. etwaiger Dividendenzahlungen. Im Gegenzug verzichten Fördermitglieder auf ihr Stimmrecht in der Generalversammlung. Der Mitgliedsantrag findet sich ab dem 15. April 2018 auf unserer Homepage unter www.cuckoo.work oder auf Anfrage per Mail unter info@cuckoo.work.

 


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Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Alexander

    Klasse Interview! Für mich fehlt jedoch die Frage zu den Risiken bei einer Investition in eine Genossenschaft.
    _____________________________________
    Beste Grüße
    Alexander von GELDz.de

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