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Are we humans: Genossenschaft

Genossenschaften entwickelten sich als Gegenmodell aus der Realität von Not und Ausbeutung. Viele Menschen sind den Beispielen von Owens, Raiffeisen und Co. gefolgt und dennoch ist die genossenschaftliche Bewegung bis heute nicht wirklich transformatorisch gewesen. Nun nimmt – durch Digitalisierung und Liberalismus – das Tempo der Umverteilug weiter zu. Immer mehr Menschen haben immer weniger und immer weniger Menschen immer mehr, was in Durchschnittszahlen natürlich weiterhin ganz gut aussieht.

 

Eine genossenschaftliche Renaissance – so meint Thomas Hann in seinem Gastbeitrag – wäre wünschenswert, dafür gehört allerdings Haltung und Positionierung. Können Genossenschaften die Chance nutzen und zum Motor einer dezentralen, kooperativen Ökonomie werden? Was müssen sie jetzt tun und was könnten wir gewinnen? Ein Weckruf!


Genossenschaftliche Renaissance – 50% Anteil an der Weltwirtschaft bis 2050

von Thomas Hann

 

Die Zeichen stehen gut für Genossenschaften. Zwar ist noch ein Weg zu gehen um so manchem Vorstand die Augen und das Herz zu öffnen, doch ist das Momentum für eine neue Blütephase des genossenschaftlichen Modells größer denn jeh.

 

Der Wunsch der Bevölkerung und somit des Konsumenten nach Alternativen für die zukünftige Versorgung mit Finanzen, Energie und Lebensmitteln ist größer denn je, und die Überalterung der Bevölkerung ruft nach neuen Pflege- und Versorgungskonzepten für ein würdevolles Altern in sozialer Gemeinschaft. Das größte Potenzial der Situation liegt in dem Wunsch der Bevölkerung nach gelebter Gemeinschaft und neuer Sinnhaftigkeit. Dieses „Gen des gemeinschaftlich organisierten Wirtschaftens“ steckt noch immer tief in jeder Genossenschaft und könnte sie zum idealen Quell regionaler Innovationen machen.

 

Wenn das Geld der Bürger innerhalb ihrer Region gehalten werden kann um damit weitere Wertschöpfung zu leisten, würde jede Region automatisch innerhalb der nächsten Jahre an Unabhängigkeit und Zukunftssicherheit gewinnen. Die hart verdienten Gelder würden nicht mehr an namenlose Konzerne abfließen um in Steuerparadiesen zu Privatgeld zu werden, sondern könnten innerhalb der eigenen Region für Energie, Bildung und Versorgung genutzt werden. Eigene Genossenschaften können die Energieversorgung sichern und gemeinsam mit den Mitgliedern in weitere Genossenschaften investieren. Schulen könnten bei ihrer Bildungsaufgabe nicht nur gefördert, sondern auf regionale Bedürfnisse hin ausgerichtet werden. Welche Kenntnisse von den individuellen regionalen Potenzialen können in Berlin oder Brüssel schon zum Einsatz kommen? Was hilft dem Bürger die Gleichmacherei einer zentralisierten Verwaltungskultur?! Viele Apparate sind mittlerweile von der Realität des Bürgers so weit entfernt wie sie nur sein könnten und haben weder positiven Einfluss, noch sinnbringende Wirkung für die Bewohner ländlicher Regionen. Dabei entsteht die Wertschöpfung in Deutschland zu 97% im Mittelstand und dieser Mittelstand ist aktuell mehr in Gefahr denn je. Auch der Bildungs- und Wohlstandsmittelstand ist in Deutschland in Bedrängnis geraden, denn auf seinen Schultern werden momentan viele Subventionen abgeladen. Dabei haben die Bürger durchaus Lust ihre Zukunft aktiv selbst zu gestalten. Viele Trends wie Urban Gardening und Fördervereine zeigen dass es noch eine Menge gesellschaftliches Engagement in Deutschland gibt. Jetzt, in einer orientierungslosen Phase der wirtschaftlichen Neuorientierung wäre der ideale Zeitpunkt um einem alten Modell ein digitales und kulturelles Update zu verpassen: der Genossenschaft.

 

An hunderten Orten gibt es tausende Genossenschaften, die ihr Erbe eines gemeinschaftlich getragenen Wirtschaftens kaum noch leben. Sie haben verlernt ihre Mitlieder zu mündigen Mitgestaltern ihrer Organisationen zu machen, denn sie haben die Mitglieder von Vorgängern „weiter vererbt“ bekommen. Sie mussten nicht für diese Mitglieder Kämpfen und Argumentieren und sie mussten mit diesen auch keine neuen Produkte und Geschäftsfelder erarbeiten. Man könnte auch sagen dass es in der Vergangenheit nicht nötig war dem Mitglied einen roten Teppich auszurollen, denn dieses schloss den Vertrag im Vertrauen auf Beteiligung und im Zuge anderweitiger Produktverkäufe ab und nahm die daran gebundene Mitgestaltungsmöglichkeit kaum wahr. Damals musste man „Kredite noch beantragen“ und ging mit einem anderen Gefühl zur Bank als Heute. Die Mitglieder sind es nicht mehr gewohnt ihre Genossenschaft gestalten zu können und warten brav auf Dividenden und Bilanzkonferenzen. Wenn sich Mitglieder wie Kunden verhalten, hat die Genossenschaft ihre eigene Kultur nicht auf ihre Mitglieder übertragen (können oder wollen).

 

Dabei wäre gesellschaftlich gerade ein so guter Zeitpunkt um neue Impulse für gemeinsames Wirtschaften in den ländlichen Regionen auszusenden. Die jungen Generationen (Millenials und GenerationY) haben erkannt, dass nur über den Zusammenschluss in Gemeinschaften die Neugestaltung der Wirtschaft und ihrer gesellschaftlichen Wirkung machbar ist. Diese Modelle lassen sich digital und lokal sehr einfach Umsetzen und führen schnell zu konkreten gesellschaftlichen Maßnahmen.

 

Die 3. Industrielle Revolution wird das Machtverhältnis von Bevölkerung und Industrie nachhaltig umkehren und eine neue, dezentrale Infrastruktur entstehen lassen. Crowdfunding und regionale Entwicklungskonzepte werden die ländlichen Regionen als erstes aus dem Abhängigkeitsszenario der großen Versorgungsindustrie befreien. Bürgergetriebene Innovationsgruppen werden ihre eigenen Antworten auf ihre spezifischen Zukunftssorgen finden und über moderne Technologie und handwerkliche Kenntnis zum Leben erwecken.

 

„Genossenschaften sind das einzige Geschäftsmodell, das bei einer Nahezu-null-Grenzkosten-Gesellschaft noch funktioniert.“ Daran schloss Jeremy Rifkin die Prognose: Bis 2050 wird etwa die Hälfte der Weltwirtschaft über Collaborative Commons und Genossenschaften organisiert sein. Diese These veranlasste das Genisis Institute, sich mit der Zukunft der Genossenschaftsidee näher zu befassen.„

 

Quelle: http://www.genisis-institute.org/think-tank/wecoms.html

 

 

 

Gleichermaßen bietet das genossenschaftliche Modell noch unzählige weitere Möglichkeiten für gesellschaftliche Innovation genau so wie für den Erhalt alter Handwerkstraditionen. Das alte, handwerkliche Wissen in Deutschland ist in Gefahr und wird durch Schnellbau und Fertigelemente immer mehr zur Randerscheinung industriellen Bauens. Das ist nicht nur negativ, sollte aber zumindest durch den Erhalt und die Anerkenntnis alter Baukunst flankiert werden, denn vor vielen Jahren wurden noch Dinge gefertigt die für viele Jahre halten sollten. So kann man in der genossenschaftlichen wie in der gesellschaftlichen Perspektive von einer wichtigen Idee sprechen, die mein Freund Angel Hernandez treffen auf diesen Punkt gebracht hat: „Fortschrittliche Rückbesinnung“ ist der Schlüssel zu einer Zukunft die das Alte ehrt und integriert ohne es so zu Dogmatisieren dass eine Zukunft nicht möglich ist.

 

In diesem Sinne ehre ich das Alte und gebe ihm Gleichermaßen nun die Chance sich selbst einer höheren Aufgabe zu widmen: dem Neuen.

 


 

Dieser Gastbeitrag von Thomas Hann ist zuerst erschienen im Blog von Thomas Hann.

 

Thomas Hann,

ist Spezialist für Werte, wirkungsvolle Kommunikation und Mitgliedschaft.

In seiner Arbeit für verschiedene Genossenschaften, Organisationen und Unternehmen stet immer der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtung. Trotz seines Hintergrundes als Betriebswirtschaftler und Marketingspezialist hat er in den vergangenen Jahren seinen Weg zur Individualpsychologie und Sozialharmonie gesucht.

 

Vom Ökodorf in den Bergen bis zum internationalen Daxkonzern hat er Menschen auf ihrem Weg zu mehr gelebter Gemeinschaft begleitet und Führungskräften diese Grundhaltung als einträglich und gewinnbringend aufgezeigt. Der Schlüssel liegt in einer gemeinsamen Identität bei der jeder Beteiligte seinen Mehrwert durch die Gemeinschaft klar erkennen und mit gestalten kann. Selbstwirksamkeit und intrinsische Motivation sind dabei Basis-Indikatoren für Agilität, Flexibilität und innovatives Denken.

 

Thomas Hann gründete mit seinem Team vor 12 Jahren die erste netzwerkbasierte Kreativgenossenschaft weltweit um mit einem neuen Organisations- und Kooperationsmodell eine neue Basis für freiberufliche Arbeit zu schaffen. Nicht eine Organisation mit Netzwerk zu gründen war das Ziel, sondern erstmals eine Organisation als Netzwerk zu Konstruieren. Basisdemokratisch, Transparent und Hocheffizient.

 

Sein Herz schlägt nach wie vor für Kommunikation, denn sie ist der Schlüssel um die Perspektiven unterschiedlicher Menschen auf einen gemeinsamen Nenner zu synchronisieren. Dabei setzt er Neuromarketing, psychologische Erkenntnisse, Neuste Tools und modernste Befragungstechniken genau so selbstverständlich ein, wie alte gesellschaftliche Werte und Zitate aus längst vergangenen Epochen.

 

Soziale Innovationen und neue Arbeitsmodelle sind für ihn „nur“ Ausprägungen einer neuen Zeit – der Postindustriellen Phase. Genossenschaften stellen in seinen Augen die perfekte Basis für diese industrielle Transformation dar und müssen dazu wieder mit ihrem ureigenen Gedankengut und ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit in Kontakt kommen.

 

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