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Don´t believe the (Social Media) Hype

Die Ostertage sind vorbei. Es ist also an der Zeit wieder einen neuen    Blogbeitrag zu verfassen. Ich sitze gerade in der Bahn und bin auf dem Weg zu einer Bank. Es wird auch heute wieder um Online Marketing und Social Media gehen. Meine Kunden beschäftigen sich mit den Veränderungen, welche Ihnen das Internet aufoktroyiert hat und weiter aufoktroyieren wird.

Was in Sachen Online Marketing schon weitgehend manifest ist, gilt in Sachen Social Media durchaus noch als spekulativ. Es ist noch nicht mal in Ansätzen erkennbar, ob und wie sich die Bankenwelt durch Social Media verändern wird.

Ist Social Media wirklich wichtig?

Nun wurde in diesem Blog immer wieder die Bedeutung von Social Media herausgestellt und es würde verlogen wirken, jetzt hier das Gegenteil zu behaupten. Aber es ist durchaus  mal wieder an der Zeit einen kritischen Blick auf ein Thema zu werfen, dass Gefahr läuft demnächst  den Weg Richtung Friedhof der Management Moden anzutreten.

Das einzige was wir heute mit einiger Sicherheit sagen können , ist, dass das Internet die menschliche Fähigkeit zum sozialen Handeln ideal unterstützt. Wir verfügen über ein Werkzeug, mit welchem nahezu allen menschlichen Handlungen zumindest in Sachen Tempo, Einfachheit, Zugang und Überwindung von räumlichen Entfernungen optimiert werden können. Darüber hinaus gibt uns das Internet die Chance klassische Handlungs- und Organisationsformen sowie vorhandene Machtstrukturen zu verändern.

Mit anderen Worten: Für einen-  wahrscheinlich nur kurzen – Zeitraum in der Geschichte der Menschheit besitzen wir die zweite Chance Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft oder auf einer niedrigeren Aggregatsebene Unternehmen, Institutionen und alle Formen des menschlichen Zusammenlebens so zu verändern und auszurichten, dass wir und vor allem auch nachfolgende Generationen eine Zukunft haben.

Nur das Werkzeug Internet steht allen gesellschaftlichen Gruppen zur Verfügung. Es ist kein Instrument des Untergrundes und es ist kein Instrument der Revolution. Es ist kein Instrument, welches aus sich heraus Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Verbesserung bedeutet. Das Social in Social Media steht nicht für „sozial“. Wenn es für „sozial“ stehen soll, dann müssen wir Menschen es mit diesem Inhalt füllen.

Nutzung oder grundsätzliches Umdenken?

Auch für Banken geht es damit eigentlich gar nicht um die Frage, ob man Social Media nutzen soll oder nicht. Es geht vielmehr um die Frage, welchem Geschäftsmodell man zukünftig folgen möchte und ob – falls man sich für ein nachhaltiges und sozialeres Geschäftsmodeel entscheidet – dies mittel- und langfristig eine Chance haben wird. Denn meiner Meinung nach können wir heute kaum davon ausgehen, dass es in absehbarer Zeit eine grundlegende Veränderung menschlichen Verhaltens geben wird. Nach wie vor sind wir in Kurzfristigkeit gefangen, nach wie vor sprechen wir von Wachstum und nach wie vor halten Unternehmen und auch zahlreiche Banken an Ihren alten Praktiken fest.

Die kleinen Veränderungen geben nur wenig Grund zur Hoffnung. Immer noch können die Investment Banken innerhalb kürzester Zeit Unternehmen und Volkswirtschaften in die Knie zwingen. Und hinter den Strategien dieser und anderer wenig nachhaltiger Unternehmen stecken Menschen und von Menschen gemachte Theorien, deren Kontingenz uns schon fast gar nicht mehr bewusst wird. Und die immer nur von einer Minderheit in Zweifel gezogen wird bzw. gezogen werden können. Und diese Zweifler sitzen in der Regel nicht an Stellen, die entsprechende Veränderungen herbeiführen könnten.

Nur wo ein Wille ist, gibt es auch einen Weg

Veränderung  erfordert den Willen zur Veränderung. Und dieser Wille muss von einer Mehrheit ausgedrückt werden. Darüber hinaus muss diese Mehrheit bereit sein, diese Veränderungen auch aktiv herbeizuführen und dafür möglicherweise auch auf einige lieb gewordene Dinge verzichten.

Eine Veränderung von Banken erfordert deshalb auch eine Veränderung des Verhaltens der Menschen, die Kunde, Mitarbeiter oder Investor dieser Bank sind.  Gefordert wäre das Wissen um das Handeln der Bank und die Fähigkeit, dieses Handeln richtig beurteilen oder bewerten zu können. Gefordert wäre die Bereitschaft das Geldinstitut zu wechseln und zwar auch dann, wenn es nicht um eine eigene persönliche Unzufriedenheit geht. Gefordert wäre die Bereitschaft der Menschen, langfristig, nachhaltig und sozial zu denken und zu handeln.

The Social Media Bubble

Umair Haque hat in seinem Blog kürzlich einen sehr interessanten Artikel mit dem Titel „The Social Media Bubble“ veröffentlicht, der bei mir und hoffentlich auch in der Welt der Social Media Fans und Evangelisten Dissonanz erzeugt hat. Seine These: Trotz aller Aufregung und Euphorie rund um das Thema Social Media verbindet uns das Internet nicht so wie wir denken. Es entstehen weniger nachhaltige Beziehungen als schwache und künstliche Verbindungen.

Nun kann auch ich von vielen positiven Social Media Erfahrungen berichten und viele Menschen, die ich über Social Media kennen gelernt habe, kenne ich inzwischen persönlich. Und auch bei manchen Facebook oder twitter Verbindungen, die ich nicht von Angesicht zu Angesicht kenne, empfinde ich so etwas wie „Vertrauen“ oder „Sympahtie“, dennoch sollte man über die Ausführungen von Umair Haque einmal nachdenken.  Denn wenn es darum gehen soll Veränderungen herbeizuführen dann sind schwache oder artifizielle Beziehungen nicht gerade hilfreich.

Wann Social Media wirkt

Social Media wird nur dann eine Wirkung erzielen, wenn vertrauensvolle, enge und hilfreiche Beziehungen entstehen. Wenn Emphatie gelebt wird und wenn gemeinsam mehr unternommen wird, als zu schreiben, zu kommentieren, zu verlinken und sich nur noch in fast homogenen Gruppen untereinander auszutauschen und dort nicht mehr als Zustimmung  zu erheischen. Social Media wird nicht wirkungsvoll durch die bloße Differenz oder Abgrenzung zu Anderen.

Wenn Social Media wirklich etwas verändern soll, dann müssen wir auch raus auf die Straße. Zumindest im sprichwörtlichen Sinne.  Wir müssen dahin wo es weh tut. Wir müssen diskutieren. Aber nicht nur mit den vermeintlichen Eliten. Wir müssen in die Kindergärten, die Schulen, die Jungendzentren und Senioren Begegnungsstätten. Wir müssen die digitalen Außenseiter und Gelegenheitsnutzer erreichen. Und dafür muss man das Internet auch mal verlassen.

Umair Haque beklagt in seinem Artikel meiner Meinung nach zurecht, dass die Beziehungsinflation – also die Entwertung von Beziehungen durch dessen exponentielles Wachstum – eine fortschreitende Schwächung des Internets als eine Kraft des Guten und – wie ich hinzufügen möchte – als ein Motor zur nachhaltigen und positiven Veränderung der menschlichen Kultur, bedeutet.

Den letzten Absatz seines Artikels möchte ich hier kurz zitieren:

“The social isn´t about contests and popularity contests. They´r a distortion, a caricature of the real thing. It´s about trust, connection and community. That´s what there´s too little of in today´s mediascape, despite all the hoopla surrounding social tools. The promise of the Internet wasn´t merely to inflate relationships, without adding depth, resonance, and meaning. It was to fundamentally rewire people, communities, civil society, business, and the state – though thicker, stronger, more meaningful relationships. That´s  where the future of media lies.”

Artikel in voller Länge: The Social Media Bubble

Es geht um Menschen

Das Internet, die Version web 2.0 und Social Media sind von Menschen hervorgebracht. Das sollte man nicht vergessen. Diese Hervorbringung folgte dabei – wie fast alle menschlichen Ideen – keinem Masterplan. Die heutige Form und die Bedeutung ist eher evolutorisch oder figurativ entstanden. Inhalte, Richtung, Werte und Ziele (etc.) stammen von uns Menschen. Als Werkzeug ist das Internet zunächst einmal wertneutral zu betrachten. Es ist praktisch aber nur wir können dem Ganzen eine Richtung geben.

Was denkt Ihr?

Wäre es nicht an der Zeit weniger über „Social Media“ und mehr über Menschen zu sprechen?

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • renneraj

    Spricht man nicht automatisch über Menschen, wenn man über Social Media spricht? Wer ist dort? Wer agiert dort? Menschen allenthalben.

    Aber es stimmt, nicht alle Menschen sind in Social Media aktiv und selbst die dort aktiven sind nicht nur Social Media. Es gibt viele parallele Universen, manche wollen sie verknüpfen, andere sind sehr glücklich ohne.

    • electrouncle

      Hallo,
      ja das klingt eigentlich so einfach. Es geht immer um Menschen. Ich habe den Eindruck, dass wir aktuell eine Verselbstständigung des Begriffes haben.
      Ausserdem beginnt die Zeit der Instrumentalisierung. Unternehmen möchten Social Media nutzen ohne grundsätzliches zu verändern. Und die Internetwelt erfreut sich an sich selbst und führt Selbstgespräche. Dabei erschöpfen sich die inhaltlichen Standpunkte in der Abgrenzung zu den anderen Medien. Insbesondere den weinerischen Verlagen.
      Grundsätzliche Veränderungen unserer das menschliche Fortbestehen gefährdenden Handlungsweisen finden nicht statt, die Chancen des Internets werden verschenkt und in dieser Zeit erfolgt eine Vereinnahmung des Werkzeuges durch die vorhandenen Eliten

  • Webschau Wirtschaftsblogs 2010-04-12 « Blick Log

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