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Die Welt der Online Finanzen (Teil II)

Die Welt der Online Finanzen (Teil II)

Die Finanzbranche erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf. Sie muss erwachen, weil   sie  geweckt wird und es ist nicht der Prinz der sie wachküsst. Es sind Menschen, die etwas verändern wollen. Es sind Unternehmen, welche – zumeist mit Hilfe des Internets –  daran arbeiten, Ineffizienzen des weltweiten Finanzsystems zu beseitigen, die träge gewordene „Mittelmänner“ ausschalten, welche sich darauf eingerichtet haben Ineffizienzen und Intransparenz zu nutzen, um ihre Gewinne zu maximieren.

Jahrzehntelang konnten Unternehmen nicht in den überregulierten Bankenmarkt eintreten. Offenheit und Unabhängigkeit war ein frommer Wunsch. Nun werden immer mehr innovative Unternehmer in der Finanzbranche aktiv.

Ihr Ziel: Die Neuerfindung. Die Aktivierung der disruptiven Kraft des Internets. Ganz so, wie es Musikbranche, Filmbranche, Verlagsbranche usw. bereits erleben mussten. Und auch hier reiben sich die Etablierten zunächst nur die Augen. Unsanft geweckt, sucht man nach Hilfe und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Reaktionsphasen zeitlich und inhaltlich identisch mit denen der beschriebenen Branchen sein werden. Nur Recht und Gesetz werden überkommene Geschäftsmodelle schützen können. AIlerdings auch nicht bis in alle Ewigkeit.

Moderne Innovatoren gehen anders an neue Ideen heran. Zumindest anders als in den letzten 20 – 30 Jahren. In dem herausragenden Buch „The Business Model Generation“ wird dies in einem Satz zusammen gefasst:

Ultimately, business model innovation is about creating value, for companies, customers and society. It is about replacing outdated models.

Business Model Generation:Alexander Osterwalder + Yves Pigneur

Umair Haque liefert außerdem regelmäßig interessante Beiträge zur kulturellen Basis modernen menschlichen Wirtschaftens und damit zu den Grundlagen der neuen Innovatoren, die auch die Finanzbranche fundamental verändern werden.

Was  passiert wirklich

P2p Kredite, Personal Finance Management und einfache Online Tools für die Kontoführung und Verwaltung von kleinen Unternehmen waren Gegenstand des ersten Teils dieser kurzen Artikelserie. Die meisten Innovationen kamen dabei aus anderen Ländern. Auch p2p Kredite, welche  inzwischen mit smava und auxmoney auch in Deutschland etabliert sind, waren keine deutsche Innovation.

Deutschland

In Sachen Personal Finance Management hat nur Kontoblick den Schritt gewagt ein solches Angebot aufzubauen. Allerdings scheint dieses Angebot nicht in den deutschen Markt zu passen. Die Menschen haben Sicherheitsbedenken und die Banken können ihren Vertrauensvorsprung ausnutzen, um solche Angebote zu be. oder verhindern. Der Verbraucher steckt dadurch in einer Zwickmühle. Eigentlich wäre es hilfreich alle Konto- und Produktinformationen auf einen Blick erhalten  und dadurch das eigene Finanzveralten optimieren zu können. Andererseits könnte ein solches Angebot eigentlich nur von einer  Bank kommen (die Deutsche Bank hat ja einen gescheiterten Versuch hinter sich), die aber natürlich wenig Interesse daran haben ihren Kunden eine solche Möglichkeit anzubieten. Wie so oft ist hier die Angst vor den Risiken wesentlich grösser, als die mit den Chancen verbundenen Hoffnungen und Erwartungen.

Mein Tipp:

Personal Finance Management wird kurzfristig nur dann eine Chance in Deutschland haben, wenn Gesetzgeber dieses Angebot fordern. Und das wäre ja gar nicht so abwegig, da es in jedem Fall zu mehr Finanzkompetenz des Kunden führen würde, was aus staatlicher Sicht ja wünschenswert wäre.

Auch im zweiten Teil muss ich wieder überwiegend auf andere Länder schauen.Diesmal geht es um das große Thema Payment, wo gerade einiges passiert.

Ich ziehe hier die Informationen überwiegend aus einem herausragenden Artikel aus der Wired:

The Future of money: It ´flexible, frictionless and (almost) free.

Dieser Artikel bietet eine herausragende Übersicht über aktuelle Entwicklungen in der Welt des Geldes und des Bezahlens. Der Artikel baut auf der folgendne Kernaussage auf:

Das bewegen bzw. die Übermittlung von Geld von A nach B ist heute ein Feature, welches für alle Programmierer zugänglich und damit veränderbar ist. Wo früher nur grosse Unternehmen agieren konnten, können heute kleine Technikunternehmen und Innovatoren eigene Lösungen anbieten.

Als Antrieb dient der Wille etwas zu verändern. Nahezu alle Entrepreneure werden davon angetrieben etwas besser und einfacher zu machen. In der Regel kann man sogar unterstellen, dass auch mehr Gerechtigkeit und Gleichheit als Ziele verfolgt werden. Payment Innovationen bedeuten offensichtlich auch Kampf gegen die Etablierten und Mächtigen und deren Orientierung am Eigeninteresse.

  • Square ermöglicht jedem Menschen Kreditkartenzahlungen über das eigene Telefon anzunehmen
  • Obopay ermöglicht die Überweisung von Geld mit Hilfe des Mobiltelefons
  • Amazon + Google ermöglichen auch kleinen Händlern die Nutzung von professionellen und kostengünstigen Zahlungsverfahren
  • Facebook arbeitet an einem eigenen Bezahlverfahren und auch Apple ermöglicht Entwicklern mit itunes einfache neue Einnahmemöglichkeiten.

Schon heute werden – so der Artikel – 20 % aller Online Transaktionen über alternative Bezahlsysteme abgewickelt. Der Abstieg des klassischen Mittelmannes hat damit längst schon begonnen.

Nicht zu vergessen natürlich PayPal. Mehr als 15.000 Entwickler nutzen inzwischen die kürzlich geöffnete Entwicklerplattform, um neue Bezahl Lösungen zu entwickeln.

PayPal bietet dabei einen ganz besonderen Service. Die Entwickler müssen sich nicht mehr mit komplizierten Regulierungs- und Lizenzierungsproblemen beschäftigen. Dadurch sinkt die Barriere zum Einstieg in den Markt. Die klassischen Schutzwälle etablierter Anbieter brechen zusammen. PayPal bringt damit die kreativen Kräfte des Internets im Zahlungsverkehrs Bereich in Bewegung. Einem Bereich der über Jahrzehnte kaum eine Innovation erfahren hat. Banken und Finanzdienstleister sehen dieses Produktfeld schon lange nicht mehr als eine Möglichkeit zur Unterscheidung. Alle bieten prinzipiell dasselbe an. Zahlungsverkehr ist Convenience

Sieht man aber Zahl und Namen der Unternehmen, die sich heute mit neuen Payment Lösungen beschäftigen, liegt der Schluss nahe:

„Your wallet will never be the same“

Wie schon in der Musikbranche treibt eine massive Ineffizienz die Entwicklungen im Markt für Bezahllösungen an.

Michell Wolfe wird im wired Artikel deswegen folgendermaßen zitiert:

The less you have to deal directly with the banks and credit card companies, the better of you are.

Wen wir uns merken müssen

Twitpay

Zong

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=b2cFvfzwXQ8]

Square

Get Giving

Insgesamt befinden wir uns aber offensichtlich noch am Anfang einer Entwicklung, deren Konsequenzen für die Finanzbranche noch nicht annähernd abzusehen sind. Genausowenig wie wir heute schon sagen können, welche Reaktionen es von Seiten der Finanzindustrie geben wird und inwieweit es ihr eventuell auch gelingen wird, mit Hilfe staatlicher Institutionen Ihre Vormachtstellung durch gesetzliche Regelungen zu erhalten. Es gilt ja auch, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wer sich mit wirtschaftlich und gesellschaftlich so wichtigen Dienstleistungen überhaupt beschäftigen darf.

PayPals revolutionäre Kraft kommt zumindest erst jetzt, da die Wachstumschancen über ebay an Grenzen geraten,  wieder zum Vorschein:

This is the kind of revolutionary fervor that PayPal was always intended to foment. Peter Thiel, PayPal’s cofounder and a die-hard libertarian, launched the company as a means of creating a stateless monetary system, making it possible for anyone to switch, instantly and easily, between global currencies. “PayPal will give citizens worldwide more direct control over their currencies than they’ve ever had before,” he told new employees in 1999, according to the book The PayPalWars. “It will be nearly impossible for corrupt governments to steal wealth from their people.”

Sind die Anbieter von Payment Lösungen wirkliche Revolutionäre?

Möglicherweise. Zumindest erwächst Ihr Antrieb offenbar häufig aus einer fast schon agressiven Unmut über etablierte Verhältnisse:

Whatever the future of payments looks like, it will probably be brought about by people like Christian Lanng. A tall and wide 31-year-old with a booming, operatic voice, Lanng is sitting on the couch of his venture backer’s house in Copenhagen. When he talks about the way banks and credit card companies process payments, he gets so upset that his entire body tenses and his voice rises until it’s echoing off the stark white walls. “This is the main battleground of capitalism!” he says. “This is the heart of it.”

Und auch Lanngs Idee mutet revolutionär und beinahe schon unglaublich an:

He sees dynamic invoices that pay themselves — that constantly monitor exchange rates, say, or the price of lumber, and then automatically send out an order to withdraw funds or to make a purchase just when the price is cheapest. Most of the information is already available — there are plenty of databases that provide real-time pricing information, and he already has all of his clients’ account information and vital data. But Porta doesn’t have the technology or expertise to handle the transactions themselves. That’s why Lanng is coding with X.com.

Und so kommt Daniel Roth in seinem lesenswerten Wired Artikel zu der folgenden für die Finanzbranche nicht unkritischen Schlussfolgerung:

A generation ago, when people made the choice to switch to plastic, credit cards did not just replicate cash; they fundamentally changed how we used money. The ease with which people could make purchases encouraged them to buy much more than they had in the past. Entrepreneurs suddenly had access to easy — though high-interest — loans, providing a spark to the economy. Now, while it may be hard to predict what innovations PayPal’s platform will enable, it’s safe to say that the payment industry is going to change dramatically. As money becomes completely digitized, infinitely transferable, and friction-free, it will again revolutionize how we think about our economy.

http://www.wired.com/magazine/2010/02/ff_futureofmoney/4/

Weiter lesen:
NetBanker über Paypals iphone App „Bump to pay“–>

Chris Skinner bremst meine Euphorie: Why Paypal et al don´t matter

Und entfacht Sie wieder: Why Paypal et al really matter

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Foto von Javi C via Flickr http://www.flickr.com/people/javic/

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Webschau Wirtschaftsblogs 2010-03-22 « Blick Log

    […] Die Welt der Online Finanzen (Teil II) […]

  • Dennis

    Einen schönen Artikel hast Du da gefunden. Meinst Du, der Versicherungsmarkt könnte sich nicht auch ähnlich entwickeln? Gibt es Anbieter, bei denen ich meine Versicherungsdeckung selber zusammenstellen kann und sehe, wer dies versichert? Oder wie das Geld tatsächlich verwendet wird. Ich finde das augenblicklich absolut undurchsichtig. Ist nicht gerade in diesem Bereich die Regulierung noch größer als bei Banken?

  • Web 2.0 für die Finanzbranche (Teil 2): Konkrete Schritte

    […] Bereits jetzt existieren am Markt Lösungsansätze, die die klassischen Intermediationsfunktionen von Finanzhäusern ausschalten. Genannt seien hier das Peer-to-Peer-Prinzip bei der Kreditvergabe, die Eigenkapitalfinanzierung 2.0 wie etwa Crowdfunding für Startups oder Vorhersagemärkte, die die Intelligenz der Masse für Evaluierungsaufgaben und Prognosen nutzen. Einen ganz hervorragenden Überblick gibt der Blog Finance 2.0 in der Serie “Die Welt der Online Finanzen” Teil 1 und hier Teil 2. […]

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Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
So klingen Banken (Teil II)

Ich schiebe jetzt den zweiten Teil direkt mal hinterher.  Heute nehmen wir mal die IKB und die Dresdner Bank. [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=-l3_gwIOTGI]...

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