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Das Internet und der neue Sozialismus

In der Juni Ausgabe der Wired hat mir ein Artikel von Kevin Kelley ausgezeichnet gefallen. Schon den Titel kann man auch  für amerikanische Verhältnisse als ungewöhnlich bezeichnen: „The new Socialism: Global Collectivist Society is coming online“. Denn die USA gilt bis heute nicht gerade als ein Land, welches eine besondere Affinität zum Sozialismus aufbringen würde.

Der Artikel ist eine wunderbare Darstellung und Zusammenfassung der Potentiale des sozialen Internets. Demnach sind Twitter, Flickr, Wikipedia und Co. nicht nur Revolutionen in der Online Welt. Sie sind die Vorhut einer weltweiten kulturellen Bewegung. Digitaler Sozialismus ist die neuste amerikanische Innovation. Dieser digitale Sozialismus hat aber nur wenig gemein mit dem klassischen Sozialismus bzw. mit dem was wir landläufig unter Sozialismus verstehen: Es geht nicht um Klassenkampf und nicht um Anti Amerikanismus. Digitaler Sozialismus ist nach Kevin Kelley ein Sozialismus ohne Staat. Das neue Markenzeichen des Sozialismus bewegt sich im Bereich von Kultur und Wirtschaft. Bisher weniger im Bereich von Regierung und Staat.

Der neue digitale Sozialismus basiert auf einem grenzenlosen Internet und einer fest integrierten weltweiten Ökonomie. Er dient der Vergrösserung menschlicher Individualität und vereitelt Zentralisierung. Es handelt sich nach Kelley um extreme Dezentralisation.

Ich möchte hier nicht den ganzen Artikel behandeln. Der Grund weshalb ich diesen Artikel zitiere, hat mit meiner wachsenden Irritation zu tun. Das Verhalten der deutschen Institutionen und Unternehmen macht mir zunehmend Sorge. Überall wo das Internet überkommene Strukturen und veraltete Geschäftsmodelle in Gefahr bringt, finden Lobbyisten und Parteien sehr schnell zueinander und beschäftigen sich mit Verboten und Klagen. Neue Ideen, eigene Konzepte, internetfähige Geschäftsmodelle werden nicht diskutiert bzw. entwickelt. Das Grundprinzip des Handelns lautet: Bewahrt das Bewährte. Nirgendwo scheint es ein ähnlich weitgehendes Verständnis des Internets zu geben wie im Artikel von Kevin Kelly dargestellt.

Natürlich erklärt ein solch weitgehendes Verständnis, dass ja schon lange nicht mehr nur theoretischer Natur ist, auch die Ängste, die sich gerade in Deutschland an vielen Stellen auftun. Nimmt man z.B. nur das Thema  Banking. Hier deutet sich an, dass man mit den klassischen Praktiken nicht mehr weiter kommt. Durch die Macht des Internets verliert die Finanzdienstleistungsbranche immer mehr ihrer USPs. Fast könnte man annehmen, dass zahlreiche Angebote, Produkte und Dienstleistungen nur durch eine fortdauerende Intransparenz fortbestehen können und gerade diese Intransparenz hat im Sozialen Web keine Zukunft mehr.

Wenn im Internet wirklich die von Kelly dargestellten Potentiale stecken, dann werden überall gewaltige Veränderungen auf uns zukommen, die sich auch mit Verboten oder Gesetzen kaum aufhalten lassen werden.

Kevin Kelley begründet die Verwendung des Begriffes Sozialismus mit folgendem Argument:

„When masses of people who own the means of production work toward a common goal and share their products in common, when they contribute labor without wages and enjoy the fruits free of charge, it´s not unreasonable to call that socialism”

Und weiter im Text:

“But there is one way in which socialism is the wrong word for what is happening: It´s not an ideology”. It demands no rigid creed. Rather, it´s a spectrum of attitudes, techniques, and tools that promote collaboration, sharing, aggregation, coordination, ad horacy, and a host of other newly enabled types of social cooperations. It is a design frontier and a particularly fertile space for innovation”

Solche Aussagen erzeugen natürlich auch Ängste. Unsere überkommenen Strukturen geraten in Gefahr. Der one best way der Betriebswirtschaftslehre steht schon lange mit einem Bein im Grab. Lange Zeit funktionierende Geschäftsmodelle (Unternehmen), Institutionen und etablierte Berufsstände drohen ihre Bedeutung und Position zu verlieren. Logisch, dass man sich dagegen wehrt.

Kelley zitiert in seinem Artikel Yochai Benkler, der das Buch „The Wealth of networks“ geschrieben hat:

„ I see the emergence of social production and peer production as an alternative to both state based and market –based closed, proprietary systems.”

“Instead, it is an emerging design space in which decentralized public coordination can solve problems and create things that neither pure communism nor pure capitalism can.

Zurück zum Social Banking. Warum will man dem Social Banking Paroli bieten, warum sollten Banken einen eigenen dritten Weg finden? Ist dieser Weg nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Müssen sich alle Banken gegen die Veränderungen durch das Internet wehren. Müssen wir den Weg der Musikindustrie gehen oder uns den Verlegern anschließen? Und wie lange werden Erfolge vor Gericht oder Zugangsbarrieren zu Inhalten ein Unternehmen vor den Veränderungen des Marktes überhaupt schützen können? Können die Interessen von Finanzdienstleistern und Kunden nicht vielleicht doch auf einen Nenner gebracht werden, wenn man z.B. bei der Umsatzrendite Abstriche machen würde.

Nochmal ein Zitat aus dem Artikel von Kelly den Sie unbedingt lesen sollten.

“Who would have believed that poor farmers could secure $100 loans from perfect strangers on the other side of the planet—and pay them back? That is what Kiva does with peer-to-peer lending. Every public health care expert declared confidently that sharing was fine for photos, but no one would share their medical records. But PatientsLikeMe, where patients pool results of treatments to better their own care, prove that collective action can trump both doctors and privacy scares. The increasingly common habit of sharing what you’re thinking (Twitter), what you’re reading (StumbleUpon), your finances (Wesabe), your everything (the Web) is becoming a foundation of our culture. Doing it while collaboratively building encyclopedias, news agencies, video archives, and software in groups that span continents, with people you don’t know and whose class is irrelevant—that makes political socialism seem like the logical next step.”

Und noch das Schlusswort:

“We underestimate the power of our tools to reshape our minds. Did we really believe we could collaboratively build and inhabit virtual worlds all day, every day, and not have it affect our perspective? The force of online socialism is growing. Its dynamic is spreading beyond”

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TIPP

Deutschsprachige Blogs oder Internetseiten, die sich regelmässig oder immer mal wieder mit den kulturellen, gesellschaftlichen und philosophischen Grundlagen des Internets beschäftigen und deren Besuch ich hier noch kurz empfehlen möchte, sind z.B.

http://www.de-bug.de/

http://netzwertig.com/

http://www.thestrategyweb.com/

http://www.fischmarkt.de/

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Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Frank Kleinert

    Ein ganz hervorragender Artikel, wie ich finde. Wenn wir vor diesem gesellschaftlichen, kulturellen Wandel stehen, dann steht uns allen ein langer Weg bevor; Oder sind wir schon mittendrin? Ich denke schon.

  • Elmar Borgmeier

    Der Artikel sagt leider eben auch nicht, wie etablierte Unternehmen mit dem „new socialism“ umgehen sollen. Der Brockhaus Verlag hat ja schon erleben müssen, dass ein „Brockhaus Wikipedia“ nicht erfolgreich ist.

    Banken sind keine Social Network Plattformen, sie müssen ihren eigenen Weg finden.

    Das kann durchaus gelingen. Ein Beispiel aus einer anderen Branche: IBM hat sich sehr gut auf Open Source eingestellt und nutzt es als Teil seiner Geschäftsstrategie. Und die Open Source Communities sehen das positiv!

    D.h. eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Anbietern und Social Networks ist möglich. Darüber sollten wir mal weiter nachdenken. Und nicht wie der am Anfang des Artikels in Wired zitierte Bill Gates mit Killerphrasen gegeneinander reden.

    • electrouncle

      Ja, der Arikel hat keine Lösungen für die etablierten Unternehmen parat und auch mir fehlen ehrlich gesagt die Patentlösungen. Für die etablierten Unternehmen gilt allerdings eine Tatsache: Es wird nicht alles beim Alten bleiben und die Etablierten werden ganz neue Konkurrenten bekommen. Es gibt heute immer weniger eine Garantie dafür langfristig zu den Etablierten zu gehören. Aber so habe ich Marktwirtschaft eigentlich immer verstanden. Viele der Etablierten haben das anscheinend aber nicht getan und anstatt sich zu innovieren, rufen Sie heute nach dem Staat und bitten um Schutz. Die Frage die sich stellt: Steht Ihnen dieser Schutz eigentlich zu?
      Banken sind vielleicht keine „Social Network Plattformen“. Lassen wir mal den technischen Unterton des Begriffes weg, dann bleibt aber festzuhalten. Banking ist soziales Handeln. Wenn Menschen Waren austauschen, dann geschieht dasss in sozialen Zusammenhängen. Ihr Open Source Gedanke ist dann ja sehr spannend. Das Internet steht für Miteinander und bietet nein fordert die Möglichkeit Dinge gemeinsam zu tun. Nicht für Jemanden sondern kooperativ mit Jemandem. Hier wäre für einige Finanzunternehmen ein ganz neues Selbstverständnis gefordert, dass ja durch Personalisierung im Online Banking auch nur teilweise gelöst wäre. Denn Miteinander würde ja auch bedeuten, dass ich das Bankprodukt, welches ich brauche mit entwickle – wenn ich möchte – und im Miteinander könnte ich eben auch sagen, ich möchte keine Personalisierung und auch keine Produktempehlungen von meiner Bank, nur weil ich mir einige Male dieselbe Tagesgeld Seite angeschaut habe.
      Killerphrasen sind auch nicht mein Ding. Sollte ich diese irgendwo verwendet haben, dann Entschuldigung dafür. Sie wären mir dann entweder in meinem Enthusiasmus für das Thema herausgerutscht oder mangelnden rhetorischen Fähigkeiten geschuldet. Ich denke es gibt gute Ansätze für einen weiteren Gedankenaustausch. Bei mir kommt – dass ist vielleicht der Unterschied – die Kultur vor der technischen Lösung.
      Freue mich über eine weitere Diskussion

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