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Das Anti Social Media Gelübde

Ich gelobe

Den Begriff Social Media nicht mehr bzw. zumindest nicht mehr inflationär zu verwenden. Ich gelobe, wann immer es geht auf die Verwendung des Begriffes zu verzichten. Darüber hinaus gelobe ich die Chancen von Social Media nicht dadurch im Keim zu ersticken, das ich ein Instrument zur Lösung selber mache.

Warum ich das tue

Es gibt hierfür vor allem 2 Gründe:

1. Social Media ist auch bei uns zu einem inflationär gewordenen Begriff geworden. Es ist – so würde der Freiburger Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen vermutlich feststellen – zu einem Plastikbegriff geworden. Solche Plastikbegriffe folgen nach Uwe Pörksen einer eigentümlichen Dynamik. Menschen – also auch wir Social Media Enthusiasten – welche diese Worte allzu häufig verwenden – merken in der Regel nicht, dass sie der –  an und für sich – guten Sache damit keinen Gefallen erweisen.

2. Es manifestiert sich bei mir immer mehr der Eindruck, dass Social Media zu einem Selbstzweck verkommt bzw. schon verkommen ist. Wir sonnen uns in dem Gefühl oder in der Erkenntnis zu jenen Menschen zu gehören, welche sich durch die Nutzung moderner – vom gesellschaftlichen Mainstream noch kritisch und teilweise ängstlich betrachteter – Handlungsweisen oder Technologien, als digitale Avantgarde bezeichnen kann. Wir denken oder hoffen, es könnte möglich sein nur durch die Existenz eines neuen – sicherlich sehr mächtigen – Mediums die Welt zu verändern. Möglicherweise steht hinter unserer Begeisterung für das soziale Internet aber auch nur der ewige und vor allem auch männliche Wunsch modern und jugendlich zu bleiben. Dies könnte man zumindest meiner Generation vorwerfen.

Nun ist es so, dass Social Media als Selbstzweck prinzipiell Stillstand bedeutet. Wer sich nur um sich selbst dreht und sich darauf beschränkt sein tolles Steckenpferd als die Lösung aller Probleme zu sehen, verkennt, dass damit keinerlei Veränderung hervorgerufen wird. In zahlreichen Blogs, bei Facebook, auf twitter und an vielen anderen Orten im Internet wird das Social Media Loblied gesungen. Alles ist auf einmal Social Media bzw. für die Lösung eines jeden Problems ist Social Media erforderlich.

Nur wie kommt es dann zum Beispiel, dass den vielen Unternehmen – die unser Leben negativ beeinflussen, oder die wie BP unsere Lebensräume zerstören, nach wie vor schalten und walten können, als sei nichts geschehen. Inwiefern können wir wirklich darauf hoffen, dass Social Media eine demokratische Revolution hervorruft, die dazu führt, dass alle oder zumindest viele Menschen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und sich mit Hilfe des Internets eine neue (bessere) Welt schaffen. Warum greift die inzwischen fast überall stärkste Fraktion der Nichtwähler – die ja eigentlich daran interessiert sein müssten ihrer Abneigung gegen die Parteien und deren rekursive Selbstbezogenheit – nicht auf die Möglichkeiten des Internets zurück, um Apathie in aktive Veränderung zu verwandeln?

Ein wie auch immer geartetes technisches oder auch soziales Werkzeug reicht einfach nicht aus, um auch nur einen einzigen Menschen zum Umdenken zu bewegen.

Wenn wir als  selbst ernannte „Social Media Experten“ in Unternehmen gehen und etwas über die Möglichkeiten von Social Media berichten, sollten wir darauf achten, auf welchen Resonanzboden unsere Botschaft dort stößt. Selbst wenn wir dort vor der Nutzung von Social Media nach klassischen Marketing Prinzipien warnen, können wir nicht davon ausgehen, dass diese Warnungen sich auch im Handeln der betroffenen Unternehmen ausdrücken.

Veränderung ist nun mal eine der schwersten Aufgaben im Leben von Menschen. Dabei fällt es einzelnen Menschen in der Regel  noch viel leichter sich zu verändern als Unternehmen, denn Organisationen neigen nun einmal dazu Strukturen auszubilden, deren Gemachtheit und Kontingenz schon nach kurzer Historie kaum noch hinterfragbar ist. Und dort wo Hinterfragung aufgrund vorhandener Potentiale noch möglich wäre, verhindert Macht, Abhängigkeit und auch Geld den erforderlichen Diskurs

Wenn aber Social Media zum guten Ton der Wirtschaftskommunikation gehört.  Wenn es zur Mode oder zum Trend wird, wenn also Unternehmen Social Media nutzen müssen, damit Sie eine entsprechende Rationalitätsfassade aufbauen können, weil die menschliche Umwelt dies erwartet, dann ist der Punkt erreicht, an dem es mit der Wirkung nicht mehr weit her ist. Wie viele Unternehmen schmücken sich zum Beispiel inzwischen mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“, weil es zum guten Ton modernen Managements gehört.

Auch in Sachen Social MediaNutzung erleben wir gerade, wie mehr und mehr Unternehmen das zweifelhafte – weil in der Regel inhaltsleere – Prädikat eines Social Media nutzenden Unternehmens erwerben.

Denn eigentlich geht es für Mensch, Unternehmen und Gesellschaft um viel grundsätzlichere Fragen. Es geht um die Lösung von Problemen, die nicht automatisch durch die zweifellos herausragenden Möglichkeiten des Internets gelöst werden. Insofern ist jedes Gefecht um Sinn und Unsinn bzw. Versprechungen und Gefahren des Internets eigentlich überflüssig und verschwendet nur die Zeit und Kraft, die wir benötigen, um die existentiellen Fragen anzugehen. Mal abgesehen von der nicht ganz unerheblichen Frage menschlicher Freiheit oder Demokratie

Ölgemälde?

Auch Banking wird nicht besser oder anders durch die Nutzung von Social Media. Sind die vielen Banken, die sich inzwischen auf twitter , Facebook und Co tummeln wirklich anders geworden. Einige schon. Die meisten nicht und ein paar machen dort einfach das, was sie entweder schon immer so gemacht haben oder was in ihren Genen liegt im Verlauf der ökonomischen Evolotion der letzten 100 Jahre aber in Vergessenheit geraten ist, weil es nicht wettbewerbsfähig zu sein schien.

Es gilt in den folgenden Beiträgen meines Blogs näher zu erläutern, worauf wir uns wirklich konzentrieren sollten. Nun beginnt in jedem Fall das Gelöbnis. Nicht ohne noch einmal darauf hinzuweisen, das uns das soziale Internet eine historische Chance zur Erneuerung bietet, die wir gemeinsam und weltweit mit Inhalten füllen müssen. Dieser Inhalt ist aber nicht Social Media selber.

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Heinz Müller

    Sozial sein heißt handeln. Das Intenet kann nicht sozial sein. Es ermöglicht nichts anderes als potemkinsche Dorfer derjenigen, die gerne sozial wirken wollen, ohne es faktisch sein zu können. . . . Abbild einer Öffentlichkeit, in der ja ebenfalls schon lange die Attitüde über den Inhalt dominiert und soziales Handeln von Charityglamour an den Rand der Wahrnehmung gedrängt wird.
    Dass Unternehmen nun auch diese Form der Öffentlichkeit nutzen ist legitim, dass sie sich auch im Refrenzrahmen der „Sozialwahrnehmung“ im Internet bewegen verständlich. Wenn das aber alles ist an Corporate Social Responsisibility, dann ist das ein Armutszeugnis. Also Augen auf: sozial ist was anderes als ein Auftritt im so gennannten Social Web.

    • electrouncle

      Hallo,

      dem kann ich nur zustimmen. Es ist ja leider wirklich so, dass hier Social Media so oft mit sozial gleichgestellt wird. Und vor allem Unternehmen dazu neigen zu denken, mit der
      r Nutzung des sozialen Internets wäre schon eine ausreichende Zuwendung zu den Menschen erfolgt. Das Wort Social in der Wortkombination „Social Media“ hat letztlich auch gar nichts mit sozial zu tun. Wäre dies der Fall gäbe es in den USA sicherlich auch nicht so einen Hype. Es meint ja nur die Fähigkeit des Menschen miteinander und aneinander orientiert zu handeln und dazu bietet das Internet eigentlich nur neue Möglichkeiten. Es läuft einem ja fast kalt den Rücken runter, wenn Unternehmen wie „Wells Fargo“ und momentan auch die „Deutsche Bank“ durch die Social Media Nutzung ein Image erhalten, welches ihnen eigentlich gar nicht zusteht.

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