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Beginnen wir mit Vertrauen und Trivialität

Keine Prognosen

Das Jahr 2010 ist nun schon einige Tage alt. Dies ist aber dennoch erst mein erster Blogbeitrag im neuen Jahr. Ich verzichte hier absichtlich auf die üblichen Prognosen für das Jahr 2010, die man  ja in der Regel im Jahr danach, also in diesem  Fall 2011, nochmal thematisieren und dann erklären muss, warum diese Prognosen so nicht eingetreten sind oder warum sie erst später so eintreten werden.

Keine Neujahrsansprache

Genauso wenig liegt es mir, eine Art Neujahrsansprache zu verfassen. Einmal davon abgesehen, dass dies ohnehin keinen Menschen interessieren würde, denn ich bin ja weder die Bundeskanzlerin noch der Bundespräsident, bringt es ja relativ wenig darüber zu schreiben, dass alles Gut oder alles Schlecht wird, denn wie sagt der Kölner so schön und treffend? Et kütt wie et kütt!

Das klingt zwar fatalistisch und trifft eigentlich nur zu, wenn man auch die entsprechende Mentalität mitbringt, allerdings sollte spätestens die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin die Erkenntnis gebracht haben, dass wir uns 1. Keinesfalls auf die Politik und die politische Kaste verlassen sollten, wenn wir unsere Zukunft gestalten möchten , und dass wir 2. damit beginnen sollten zu erkennen, dass uns stattliche, gesellschaftliche und kulturelle Organisationen seit Beginn unseres Wohlfahrtsstaates in eine Abhängigkeit geführt haben,  die uns davon abhält eben diese Zukunft selber zu gestalten.

Also geht es um Vertrauen und Trivialität

Womit ich bei den beiden Worten bin, die ich in meinem ersten Blogpost gerne thematisieren würde.  Ich beginne mit dem Wort Vertrauen. Das Vertrauen in unsere gesellschaftlichen Institutionen und in deren Vertreter ist letztlich die Grundlage für unsere Unfähigkeit zur Veränderung. Wir haben gelernt darauf zu vertrauen, dass es immer „Jemanden“ gibt, der uns aus der Patsche hilft.

Selbst schuld könnte man sagen, denn jeder Mensch könnte ja prinzipiell auch anders. Allerdings sollte man nicht verkennen, dass dies Abhängigkeit über Jahrzehnte hinweg ein sehr nützliches Mittel für die Mächtigen dieser Welt war. Unser Vertrauen in den guten Willen oder den richtigen Weg hat unbequeme Fragen oder gar Initiativen zur Veränderung überwiegend unterdrückt. Selbst die Studentenbewegung der sechziger Jahre oder die grüne Bewegung hat nicht dazu geführt grundsätzliche Selbstverständlichkeiten darüber, wie wir wirtschaften oder leben wollen und sollen, ins Wanken zu bringen.

Die positive Seite von Krisen

Erst die Kombination von  Globalisierung, Klimaveränderung,  Finanzkrise und Internet erzeugt – so komisch dies angesichts der durch die ersten drei Ereignisse verursachten Schäden auch klingen mag – die Hoffnung und Möglichkeit zugleich, die beinahe natürlich wirkenden Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und gemeinsam neue Antworten zu finden. Und daran kann sich die offizielle Politik durchaus beteiligen, sie muss es aber nicht, denn das Internet liefert uns neue Formen der Gruppenbildung, Entscheidungsfindung und Veränderung.

Vertrauen ist gut, Zweifeln ist besser

Blindes Vertrauen – dass hat uns spätestens die Finanzkrise gelehrt – führt irgendwann mal in die falsche Richtung. Wer nicht blind Vertrauen muss, kann oder möchte, der braucht Information und Bildung. Zweifeln muss möglich sein. Die Finanzkrise ist in diesem Sinn vielleicht sogar ein Segen, ebenso das Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen.  Immer mehr Menschen beginnen zu zweifeln, ob die klassischen Problemlöser und Heilsbringer noch die richtigen Antworten für die Zukunft liefern können.

Selbst in der Wirtschaftswissenschaft, für die jahrelang galt, dass erst durch das Ablegen einer Art Glaubensbekenntnis bestimmte Karrierewege offen standen, fängt wieder an zu zweifeln und muss dies auch tun, um bei der Lösung der zukünftigen Probleme noch helfen zu können. Insofern ist die Finanzkrise auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaften in der jahrzehntelang Theorie als vermeintliche Wahrheit verkauft wurde, obwohl es eigentlich an vielen Stellen eigentlich nur um „Glaube“ ähnlich wie in der Theologie ging. Ist Ihnen mal aufgefallen, wie häufig den Aussagen von Politikern und anderen sogenannten Experten inzwischen die kurze Formel „Ich glaube“ vorweggestellt wird?

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Hier positionieren sich die Zweifler:

http://paecon.hallowiki.de/index.php/Hauptseite

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Kitt hält nicht ewig

Wir befinden uns inmitten einer Vertrauenskrise. Der alte Kitt löst sich langsam auf. Der individualisierte Mensch beginnt zu verstehen, dass  nicht nur er  der Schmied seines eigenen Glücks ist sondern auch die Zahl der Altruisten  immer geringer wird. Auch Politiker und Unternehmer verfolgen individuelle Ziele und darüber hinaus strebt jede Institution oder jedes soziale System in erster Linie einmal nach Selbsterhalt. Um diesen Selbsterhalt sicher zu stellen, wird dann auf intern etablierte Verfahren gesetzt. Nur ganz selten kommt es bzw. kam es in den letzten Jahrzehnten zu krisenhaften Störungen oder gar sozialen Revolutionen.

Das Internet schafft Möglichkeiten

Womit wir beim Internet wären, dessen technologische Komponente gegenwärtig an Bedeutung verliert. Das Internet ist eine soziale Revolution. An allen Ecken und Enden löst es die klassischen Selbstverständlichkeiten auf. An allen öffentlichen Orten und in allen alten Medien versuchen die etablierten Kreise, die Ihnen durch das Internet drohenden Verluste, mit den oben erwähnten etablierten Verfahren der alten Systeme zu verhindern.  Platte Technologiekritik, absurde Warnungen vor sozialem Verfall oder psychopathologischen Folgen oder der Zugriff und die Nutzung der selbst geschaffenen rechtlichen Regelungen und Systeme werden aktuell überall eingesetzt, um die neue Welt aufzuhalten. Dabei schreckt man dann auch nicht davor zurück einer ganzen Generation heranwachsender Menschen vor den Kopf zu stoßen. Einer Generation die den Vorteil hat, nicht erst verlernen lernen zu müssen, um das Neue annehmen zu können.

Und die Bankenwelt?

Betrachten wir mal kurz die Bankenwelt, welcher ich ja diesen Blog widme, dann kann man feststellen, dass man dort die sozialen Brüche und Veränderungen, die durch das Internet ausgelöst werden, weitgehend noch nicht erkannt hat. Zwar kann man der Bankenbranche aktuell nicht vorwerfen, dass sie sich gegen die durch das Internet hervorgerufenen Veränderungen stemmt. Im Gegenteil die Bankenbranche war schon immer offen für jede Technologie, die mehr Effizienz und geringere Kosten versprach. Allerdings  hapert es – bis auf einige rühmliche Ausnahmen natürlich – beim Verstehen der Veränderungen. Wobei es sich natürlich auch um Angst und die Hoffnung handeln kann, dass bald wieder alles so sein wird wie es ist.

Banken nutzen twitter, Facebook & Co und stellen sich dadurch menschlicher und transparenter dar. Aber sind sie dadurch menschlicher und transparenter? Banken ändern ihre Marketing Strategien und kommunizieren emotionaler, aber wenn man dann die Kommentare der Verbraucher hierzu liest, stellt man fest, dass diese offenbar eine andere Vorstellung von „Social Media“ oder „Social Banking“ haben. Das Vertrauen einiger Verbraucher ( vor allem der jungen Digital Natives) in die Banken oder in andere wichtige Vertreter unserer „sozialen Marktwirtschaft“ ist offenbar so nachhaltig zerstört, dass die meisten Social Media Aktivitäten direkt (zurecht oder zu  unrecht) als platte Marketing Strategie identifiziert , kategorisiert und verurteilt werden.

Gerade bei den jungen Verbrauchern in Deutschland scheint kein großer Bedarf zu bestehen, die Banken in ihren sozialen Netzwerken zu treffen. Man schaue sich doch nur einmal  die wenigen Blogs, Facebook  Gruppen, youtube Channel oder twitter Accounts der Banken an. Entweder passiert wenig bis gar nichts oder es findet kein Dialog statt. Nicht nur weil die Banken lieber senden als Dialogangebote unterbreiten, sondern häufig auch, weil es beim Verbraucher offenbar keinen Bedarf zum Dialog gibt. So toll ich es finde, dass die Noa Bank einen eigenen Blog betreibt, das Sparkassen bei twitter, Volksbanken bei Facebook oder youtube sind,  ein Blick in die Kommentare und auf die von Nutzern generierten Inhalte wirkt doch sehr schnell ernüchternd.

Dies alles könnte natürlich auch dafür sprechen, dass man die Sprache der Menschen und insbesondere der jungen Menschen gar nicht mehr sprechen kann. Und auch Sprache beruht ja auf Vertrauen, genauso wie Geld. Und wo Vertrauen fehlt, ist man – so lernten wir das – häufig auf sich selbst gestellt und muss sich selber helfen oder zu helfen wissen.

Und nun zur Trivialität

Und hier kommt nun die Trivialität ins Spiel. Denn wenn mir die Werkzeuge und Hilfsmittel fehlen bei zerstörtem Vertrauen mein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, dann kann ich auch nicht viel verändern. Bevor das Internet zu einem sozialen Handlungswerkzeug wurde war dies so. Da konnten  alle Institutionen und Unternehmen darauf bauen, dass sie immer so weiter machen konnten wie zuvor. Störungen waren zwar möglich. Dass Herbeiführen solcher Störungen war für die Menschen allerdings extrem schwierig, kompliziert oder zeitaufwändig. Jede Störung oder jeder Veränderungswunsch musste zunächst einmal eine ganze Armada von Filtern überwinden. Angefangen zum Beispiel  bei der persönlichen Fähigkeit einen Leserbrief zu schreiben oder bei der Wahrscheinlichkeit, dass dieser Leserbrief auch abgedruckt wird . Oder wann, wo und wie dieser Leserbrief abgedruckt wurde. Oder nehmen wir die Schwierigkeit Menschen zu finden, welche ähnliche Ansichten hatten, damit man sich auf dieser Basis organisieren konnte, denn für unsere Gesellschaften gilt ja: Kein Gehör und keine Veränderungsmacht ohne Organisierung.

Der bisherige Erfolg und die soziale Sprengkraft des Internets liegt in seiner Trivialität. Jeder kann:

Suchen, Finden, Herstellen, Veröffentlichen, Vertreiben, Gehör finden, Sich selbst darstellen und vermarkten, gleichgesinnte Finden, Öffentlichkeit herstellen und erreichen,  sich selbst organisieren, verändern etc.

Trivialität macht Angst

Aus dieser Trivialität erwächst auch die Angst der Etablierten, da das Internet prinzipiell unkontrollierbar ist und  -wie Clay Shirky treffend beschreibt – Vorbeugung geradezu  ausschließt. Das Internet erfordert die Fähigkeit zur Reaktion und der Umgang mit dem Medium bzw. dessen Bewertung hängt sehr stark vom eigenen Weltbild und der eigenen Verortung in dieser Welt ab. Wer vor dem Internet warnt hat, in der Regel etwas zu verlieren oder hat einfach Angst vor dem Trivialen.

Zumal das Triviale bei der Masse der Menschen meistens gut ankommt. Das Triviale und das Volk werden vielfach sogar gleichgesetzt und im Gegenstand des Internets nimmt der alte Streit zwischen Hoch- und Trivialkultur wieder Fahrt auf. Da kümmert es dann auch wenig, dass vormals eher im Bereich des Trivialen angesiedelte Medien wie das Fernsehen, auf einmal zum Sprecher der Hochkultur werden und beanspruchen vor dem Internet geschützt zu werden. Wobei man dem Internet mit der Bezeichnung Medium sowieso nicht gerecht werden kann. Aber das ist ein anderes Thema.

Rückzug oder Aktivität?

Wo das Vertrauen zerstört ist erfolgt häufig auch der Rückzug ins Private. Immer mehr Menschen haben heute nicht nur das Vertrauen in die Institutionen verloren, sondern sogar in die eigenen Fähigkeiten. Die systematische Entmüdigung von der Fähigkeit etwas zu unternehmen, erzeugte weitgehend hilflose Individuen, die sich der Trivialität hingeben müssen. Genau diese Trivialität bietet nun aber einen Ausweg, da sie sich in einem Instrument verkörpert,  welches das Potential bietet das im Zuge der Globalisierung weitgehend aufgelöste soziale Kapital der Gesellschaften oder gar der Welt wieder herzustellen. Das Potential ist da, die Chance müssenwir Menschen ergreifen.

Das Jahr der sozialen Bewegungen?

Insofern könnte das Jahr 2010 das Jahr der sozialen Bewegungen werden. Das Jahr, in welchem durch das Internet tatsächliche Veränderungen herbeigeführt werden und sich eine digitale Opposition herausbildet. Das Jahr in dem nicht mehr die Begeisterung für die Technik und die Aktivitäten in anderen Ländern im Mittelpunkt stehen, sondern in dem auch wir erkennen, dass das Internet die Freiheit der Mehrheit der Menschen vergrössern wird. Wenn die Gesellschaften, Institutionen und Unternehmen daran wirklich ein Interesse haben, dann muss man sich vernünftig und demokratisch mit neuen Rahmenbedingungen auseinandersetzen und darf sich nicht auf eine Politik der Warnungen, Beschränkungen und Verbote zurückziehen.

So wie bekomme ich jetzt noch mal kurz die Kurve zur Finanzbranche?

Trivialität findet sich auch dort in Handlungen und Manifestationen. Und auch die Aufgaben und die Erwartungen an Banken sind fast schon als trivial zu bezeichnen. Das dennoch durch das Handeln der Banken und den Glauben an die Regeln der Wirtschaftslehre solche Schäden hervorgerufen wurden, könnte auch mit der Unterschätzung des an und für sich Trivialen zu tun haben.

Und ähnlich ist auch der Umgang mit dem sozialen Internet. Auch wenn die Nutzung des Internets für Jedermann möglich ist, sollte man als Bank nicht vergessen, dass man es mit Menschen zu tun hat, die auch wie Menschen angesprochen und behandelt werden wollen. Es macht einfach keinen Sinn die sozialen Medien  als weiteren Marketing Kanal zu betrachten und dort mit den alten Praktiken zu agieren. Auch das vermeintlich triviale erfordert eine inhaltliche Auseinandersetzung, um sich zum Schluss dieser wahrhaft trivialen Aufgabe stellen zu können:

„Der eigentliche Zweck wirtschaftlichen Handelns sollte darin bestehen, die Dinge zu produzieren, die den (allen) Menschen eine glückliche und zufriedene Existenz ermöglichen“

Mathias Binswanger. Wider den Reformenzwang. GDI Impuls, Nummer4, 2009

Beenden möchte ich diesen ersten Blogartikel des Jahres 2010 mit zwei weiteren Zitaten:

Governments and even companies are accustomed to being target of protests, so as protests are coordinated by social media become normal, their effectiveness will fall. A more remarkable and longer-lived change will bei in the offing, though, if people are able to start using these tools in bypass government or commercial entities in favor for taking on problems directly. If this happens, it will be a far bigger challenge to the previous institutional monopoly on large – scale ation than anything we have seen to date.

Clay Shirky. Here comes everybody – Seite 318

Es wird einen Aufstand von unten geben. Man wird zunehmend die Frage nach der Legitimation des politischen Handelns stellen, denn immer mehr Menschen, Rentner, Bedürftige, werden merken: Der Sozialstaat lässt uns im Stich.

Die einen werden resignieren, aber viele werden fragen: Können wir uns nicht selbst helfen? Alleinerziehende Frauen werden sich zusammentun und eine Art Genossenschaft bilden, genauso wie Rentner, Arbeitslose. Und sie alle werden ziemlich ungemütlich werden, wenn man sie reglementieren will: Der Widerstand der allgegenwärtigen Bevölkerung wird wachsen.

Kurt Biedenkopf. Aufstand von unten. Brand Eins 01/10. Interview von Gabriele Fischer.

Die Genossenschaft und das Internet. Zwei Begriffe, die wir zukünftig wieder oder noch häufiger hören werden, und auch die Entwicklung der Begriffe Vertrauen und Trivialität gilt es weiter im Auge zu behalten.

In diesem Sinne wünsche ich ein frohes neues Restjahr. Kommentare hier oder mit @electrouncle auf twitter

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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Mit diesem Blogpost ist das Blogging Jahr beendet. Irgendwann in der ersten Januar Woche 2010 wird es hier weiter gehen....

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