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Bank der Gemeingüter

Axel Apfelbacher im Blockchain Interview

Das Interview mit Axel Apfelbacher habe ich bereits im vergangenen Jahr geführt. Gefühlt ist es in den letzten Wochen etwas ruhiger um die Blockchain Technologie geworden. Das kann vielerlei Gründe haben. Möglicherweise stehen wir kurz vor ersten Durchbrüchen. Das Blockchain aber so einfach wie Social Media wird, ist zunächst noch nicht zu erwarten. Möglicherweise gab es aber gerade auch auf der Bankenseite erste Enttäuschungen? Um das R3 Konsortium ist es auch ruhig geworden. Vielleicht ist es aber auch nur die Ruhe vor dem Sturm. Nach Lektüre dieses Interviews mit Axel Apfelbacher, dürften wir aber wieder einige spannende Learnings mitnehmen.

 


Axel Apfelbacher ist elbständiger Berater für Digitalisierung und FinTech. Er hilft Banken, FinTechs und Investment Fonds bei Projekten in den Bereichen Strategie, Business Development, Go-to-market und Due Diligence / M&A-Verhandlungen. Er hat in der Vergangenheit verschiedene Senior Management Positionen in Transaktions- und Privatkundenbanken ausgefüllt und ist  seit 2011 in der FinTech-Szene aktiv. Als aktiver globaler Netzwerker nutzt er ausschließlich Linked-In als Kommunikationsplattform, dort sind auch seine  aktuellen Tätigkeiten und Themenschwerpunkt ausführlicher erklärt. Mit Blockchain beschäftigt er sich  seit 2013, insbesondere bei Fragestellungen in den Bereichen Geldsystem, Transaktionsabwicklung und Datensicherheit / Identitätsmanagement


 

 

Beginnen wir mit einer einfachen Frage 🙂 Wie erklärst Du einem Kind die Blockchain?

 

Die Blockkette ist eine Maschine, mit der Du Geld zwischen zwei Parteien über das Internet hin- und herschicken kannst, ohne dass Du dafür einen Boten brauchst.

 

Was kann man mit der Blockchain eigentlich machen?

 

Im Wesentlichen sehr ich drei Einsatzmöglichkeiten für Blockchains: A) alternatives System zur Geldschöpfung, B) Transaktions- und verwahrsystem für Vermögensgegenstände und C) fälschungssichere Plattform zur Verwahrung von Dokumenten.

 

Ist die Blockchain eher eine technologische oder eine ökonomische Innovation?

 

Die Antwort hängt stark vom Einsatzbereich ab, für den man Blockchain-Technologie verwenden möchte. Sofern man „nur“ ein effizienteres Transaktionssystem für Vermögensgegenstände im Sinn hat, ist Blockchain sicherlich eher eine technologische Innovation, die zudem bereits in ihren Grundlagen seit mindestens 20 Jahren existiert. Der ökonomische Effekt würde mE erst in dem Moment zum Tragen kommen, in dem wir Blockchain-basierte Währungen etablieren, die von einer breiten Community von Nutzern als Währung akzeptiert werden. Je nach Ausgestaltung solch einer monetären Revolution wäre die Grundlagentechnologie Blockchain weiterhin „nur“ die Technologie-Basis, diese hätte dann aber ein vollkommen verändertes Verständnis von Geld und Währung zur Folge und wäre somit eher eine ökonomische Innovation. Über die Folgen einer derartigen Veränderung der Geld-Systems zu spekulieren ist müssig, da wir darauf aktuell keinerlei sinnvolle Antworten geben können. Ich gehe daher auch davon aus, dass die ersten sinnhaften Anwendungen eher in den Bereichen Transaktions-Maschine und weniger im Bereich einer Revolution des Geldsystems liegen. Aber Vertreter der Bitcoin-Szene, die deutlich mehr missionarischen Eifer an den Tag legen, würden mir hier sicherlich widersprechen.

 

Welchen Nutzen hätten Banken durch den Einsatz der Blockchain Technologie?

 

Der offensichtlichste Nutzen für Banken ist die Hoffnung auf deutlich reduzierte Kosten bei der Transaktionsabwicklung von Vermögensgegenständen inclusive Geldtransfers. Dies impliziert jedoch zum einen, dass Banken global eine oder mehrere Blockchains betreiben, die miteinander kommunizieren und darüber Transaktionen validiert und durchgeführt werden können. Zum anderen hat solch eine Kostenreduktion regelmässig auch zur Folge, dass die Gebühren für die Dienstleistung, die die Banken in diesem Zusammenhang anbieten, deutlich absinken werden. Ganze Bereiche der globalen Transaktionsbanken würden durch die Nutzung solch einer Technologie obsolet werden, daher ist bislang kein Blockchain-System aus den Laboren der Banken in die reale Welt überführt worden. Letzteres hängt allerdings auch mit offenen Fragen der Datensicherheit und –transparenz zusammen, bei denen wir noch Antworten entwickeln müssen, ehe die Technologie für den Transfer realer Werte eingesetzt werden kann.

 

Ist Blockchain nicht eher eine Technologie für eine soziale Innovation, wenn nicht sogar Revolution. Der einzelne wird zum Steuermann und Kontrolleur seines Lebens, er braucht keine Intermediäre oder besser Gatekeeper mehr?

 

Ein grosser Teil der Bitcoin-, und ein kleinerer Teil der Blockchain-Gemeinde hat tatsächlich den bereits beschriebenen Antrieb, ein komplett neues Währungssystem auf die Beine zu stellen, das unabhängig von Banken und Zentralbanken funktioniert. Die meisten Protagonisten in diesem Bereich haben in der ein oder anderen Form schlechte Erfahrungen mit Banken gemacht oder nehmen die globale Finanzkrise zum Anlass, über alternative Währungs- und Geldsysteme nachzudenken bzw. diese zu designen.

 

Was die meisten Vertreter dieser Denkrichtung vergessen, ist, dass die Frage nach dem Umgang mit Geld in grösserem Masse eine Vertrauensfrage darstellt, als andere Bereiche, in denen digitale Angebote schon längst zum Alltag gehören. Es ist relativ unbedeutend für den Einzelnen, wenn der Onlinekauf eines Fahrrads oder die Buchung eines Hotels über einen digitalen Kanal nicht funktioniert oder gar betrügerische Absichten hatte. Bei der Frage, wer das Vermögen verwaltet (egal ob gross oder klein) und wem man Transparenz über die eigenen Geldangelegenheit verschafft, sind die meisten Nutzer deutlich kritischer und benötigen eine längere Zeit, ehe sie das notwendige Vertrauen in die Unternehmen besitzen, die ihnen Dienstleistungen in diesem Bereich anbieten.

 

Und hinsichtlich der Geld- und Währungsfrage ist es in letzter Konsequenz ähnlich, wenn auch unter einem anderen Blickwinkel: Die Währung, die wir als Tauschmedium für Produkte und Dienstleistungen verwenden, bezieht ihre Werthaltigkeit ausschliesslich aus dem Vertrauen der Gesellschaft in die Wiederverwendbarkeit des Geldes, zu im Zeitablauf mehr oder weniger unveränderten Konditionen. Nur dann kann ein Gegenstand (oder in der digitalen Welt: ein Token) überhaupt die Geldfunktionen als Wertaufbewahrungs- und Werttransfer-Mechanismus übernehmen (die Funktion der Rechnungseinheit lasse ich dabei mal aussen vor). Die Idee einer Technologie, die Transaktionen über ein anderes Mittler-Medium ermöglicht (Blockchain-Netze sind ja in letzter Konsequenz nicht Intermediäer-frei), erscheint vielen als verlockend, weil die aktuellen Intermedäre solch einen immensen Vertrauensverlust erlitten haben.

 

Dieser Vertrauensverlust übersetzt sich aber nicht direkt in neu geschaffenes Vertrauen in alternative Geld-Systeme bzw. Währungsmodelle. Der Wechsel von einem System mit zentralen, mit (tatsächlicher oder scheinbarer) Macht ausgestatteten Institutionen, die Vertrauen schaffen sollen, zu einem System, in dem ich einer anonymen Gruppe von „Peers“ vertrauen soll, ist weder trivial, noch intuitiv, und daher vermutlich nur dann überhaupt denkbar, wenn das bestehende System durch die unbegrenzte Geldmengen-Inflation so weit an Vertrauen verliert, dass neue Alternativen trotz der geringen Zeit, die zum Vertrauensaufbau blieb, stabiler und besser erscheinen als die Fortsetzung des bestehende Systems.

 

Könnte die Blockchain ein Rettungsanker für Banken sein bzw. welche Auswirkungen wird die Blockchain Technologie auf die Finanzbranche haben?

 

Seit dem Beginn der Finanzkrise 2007 existiert weltweit das Gefühl einer unkontrollierten Instabilität der Finanz- und Währungssysteme, die wir tagtäglich verwenden. Dieses Unwohlsein übersetzt sich verständlicherweise in den Wunsch nach einer deus-ex-machine Lösung, die das Vertrauen in die Stabilität unserer Systeme wiederherstellt und den kruden Mechanismus der Zentralbanken ablöst, über eine Flutung der Geldmärkte Ruhe und Stabilität zu erreichen.
Die Frage nach einer Rettung des Bankensystems ist deutlich grösser als die Frage nach einer einzelnen, wenn auch ggfs. sehr weitreichenden, Technologie.

 

Die eine Fraktion plädiert dabei für ein Lösungsmodell, das eher ein „Ablösungsmodell“ für das bestehende Banksystem wäre, nämlich die Einführung blockchain-basierter Währungs- und Finanzsysteme, die aufgrund ihrer Dezentralität gar keine Möglichkeit böten, zentrale Kapitalsammelstellen (wie zB Banken) retten zu müssen, das es keine zentrale Einheiten in solch einem System geben könnte. In solch einem Szenario hätten wir zwar das globale Finanzsystem, nicht aber die Banken gerettet. Die Auswirkungen auf die Finanzbranche wären entsprechend fundamental. Diese sehr radikale Lösung der Probleme unserer systemischen Stabilität halte ich für einen verwegenen Ansatz, da er den Aspekt des Vertrauens in solch eine dezentrale Lösung ausblendet. Das mangelnde Vertrauen in die bestehende Währungssysteme produziert bei allem verständlichen Wunsch nach neuer Stabilität noch kein neues Vertrauen in solch eine radikal neue Währungskonzeption.

 

Die andere Fraktion geht davon aus, dass das bestehende Geschäftsmodell und die Positionierung von Banken in unseren Finanzsystemen grösstenteils unverändert fortbestehen und wollen Blockchain-Technologie ggfs. dafür verwenden, die bestehenden „gewachsenen“ IT-Systeme abzulösen und auf dem Wege deutlich Effizienz gewinnen (sprich: Kostensenkungen) für den Bankensektor zu generieren. Hier stellt sich dann die Frage, inwiefern eine Dezentralisierungs-Technologie mit einem zentralisierten Geschäftsmodell zusammengebracht werden kann und ob die erhofften Einspar-Effekte, insbesondere im Bereich der Transaktionsbanken, nicht auch durch andere Technologie erzielbar wäre.
Die Rettung des Finanzsystems sowie der Bankenmodelle kann mE nicht aus einer einzelnen Technologie abgeleitet werden, sondern erfordert eine neue Vision bezüglich zukünftiger Geschäftsmodelle von Banken. Sehr viele der aktuell von Banken organisierten Prozesse werden innerhalb eines Jahrzehnts vollautomatisiert sein und somit zwar niedrigere Kosten, aber auch eine deutlich Absenkung der Margen zur Folge haben. In solch einem Szenario existieren auch weiterhin wesentliche Funktionen für Organisationen, die Vertrauen in der digitalen Welt schaffen und die Banken könnten mit einer neuen, kraftvoll formulierten und zielgerichtet umgesetzten Vision einen grossen Teil des Kuchens in der digitalen Welt für sich beanspruchen.

 

In den USA gibt es inzwischen auch ein Blockchain Konsortium von Genossenschaftsbanken. Haben Genossenschaftsbanken einen besonderen Bezug und damit auch eine besondere Chance bei der erfolgreichen Anwendung dieser Technologie?

 

Nach meinem Empfinden gibt es in gewisser Weise einen besonderen Bezug zwischen der Basisphilosophie des genossenschaftlichen Sektors und einigen Grundthesen der Blockchain-Bewegung. Der genossenschaftliche Sektor zeichnete sich ja insbesondere in seinen Anfängen dadurch aus, dass man das gemeinschaftliche, konzertierte Handeln über die Entscheidung einzelner Experten gestellt hat und dass jeder Teilnehmer dabei unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung auch nur eine Stimme bei den Abstimmprozessen erhielt. Das ähnelt der Antwort der Technologen auf die Frage nach dem Wesen des Geldes, und die Abstimmung der Knoten einer Blockchain (die theoretisch auch unabhängig von der Macht der einzelnen Knoten organisiert sein sollte), ähnelt somit auch einem genossenschaftlichen Modell, in dem jeder Einzelne durch seine Handlungen das Gesamtsystem trägt und erhält. Es gibt aber doch eine Reihe an wesentlichen Unterschieden zwischen den beiden Organisationsformen.

 

Welche spannenden Blockchain Unternehmen sollten wir alle kennen?

 

Eine Einzelempfehlung für „Blockchain-Unternehmen“ möchte ich ungern abgeben, da es bei der Vielzahl an Marktteilnehmern sehr schwer ist, einen sinnvollen Gesamteindruck zu bekommen. Prinzipiell finde ich Unternehmen spannend, die losgelöst von der Blockchain-Orthodoxie und auch frei von gedanklichen Einschränkungen darüber nachdenken, wie man Bank-Dienstleistungen durch die Ideologie-freie Nutzung der Technologie besser, schneller, einfacher, effizienter machen kann. Je lauter die Unternehmen in den Märkten proklamieren, dass „jetzt aber ganz sicher das Ende der Banken“ käme, desto weniger steckt in der Regel dahinter.

 

Würdest Du in die Blockchain Technologie investieren und in welche Unternehmen bzw. Branchen würdest Du im Hinblick auf die erfolgreiche Anwendung der Blockchain Technologie investieren?

 

Ich halte Blockchain-Technologie für eine der zukünftigen Tragsäulen unseres Wirtschafts- und Finanzsystems, daher eindeutig ja. Da wir uns weiterhin in einer sehr frühen Phase der Entwicklung befinden, wäre ich als Investor allerdings nur bereit, Beträge zu investieren, deren Verlust mich nicht schmerzen würde. Aufgrund der Vielzahl an Unternehmen und der relativ langen Implementierungspfade ist die Auswahl der wenigen Unternehmen, die mit der Technologie auf Dauer Geld verdienen werden, äußerst  schwierig.

 

Welche anderen Technologien werden die Finanzbranche in den nächsten Jahren verändern, vielleicht auch in Kombination mit Blockchain?

 

Der aktuelle Hype bezieht sich auf „Chat Bots“ und deren angebliche Fähigkeiten, die Kundeninteraktion noch direkter, schneller und einfacher zu machen. Dahinter steht der grosse Gral der Computerwissenschaften, der Wunsch nach dem Schaffen einer künstlichen Intelligenz, die alle Fragen zielgerichtet beantworten kann und dies in einem „echten“ Dialog mit Menschen umsetzt. Es gibt sicherlich Entwicklungen in die Richtung, und Blockchain könnte ggfs. eine Form der Datenhaltung darstellen, die einer KI-getriebenen Bankenlösung als Basis dient, aber wir sind nach meiner Wahrnehmung noch einige Zeit von solch einer „Artificial General Intelligence“ entfernt. Auch hier zeigt sich, dass inzwischen jede neue Software ein „AI“-Label bekommt, weil es kommunikatorisch notwendig erscheint, das heisst aber nicht, dass wir deswegen bereits deutlich näher an der Schaffung solch einer AGI sind. Auf längere Sicht wird jedoch die Kombination aus mobilen Geräten, Blockchain, Geschäftsprozess-Automation, Natural Language Processing, Machine Learning und Machine Reasoning einen erheblichen Einfluss auf die Organisation von Geschäftsprozesse, incl. Bank-Prozesse, haben.

 

Wir befinden uns im Jahr 2027: Wo stehen wir mit der Blockchain Technologie?

 

Ein konkreter Blick in die Zukunft ist stets mit enormen Freiheitsgraden ausgestattet, weswegen die Realität sich stets anders entwickelt als der Blick in die Glaskugel es vorhergesagt hat. Somit ist jede Vorhersage natürlicherweise mit grosser Unsicherheit über die tatsächliche Entwicklung gepaart. Mit dieser Einschränkung im Blick gehe ich davon aus, dass wir im Jahr 2027 funktionierende Beispiele für die Etablierung der Blockchain-Technologie in der realen Welt (sprich: ausserhalb virtueller Währungen) sehen werden und dass Regulatoren weltweit angefangen haben, die Technologie als Transparenz-Maschine zu positionieren und deren Nutzung vermehrt einzufordern. Wir werden neben Unternehmen und Institutionen mit zentralisierten Geschäftsmodellen auch komplett dezentrale Organisationen mit eigenen Währungen erleben, die in Ländern mit instabilen Währungssystemen auch signifikante Marktanteile gewinnen werden. Und wir werden sehen, dass die ein oder andere Zentralbank die Technologie zur Totalüberwachung von Geldströmen einsetzen möchte. Inwiefern unsere Gesellschaften solch eine Logik mittragen sollten, wage ich nicht zu beurteilen, auch wenn ich eher ein Anhänger freiheitlich geprägter Wirtschaftssysteme bin.

 

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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