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Angst vor der German Angst

Ich unterbreche meine Innovations Serie für einen kurzen Artikel über eine menschliche Emotion, die auf der einen Seite natürlich und in bestimmten Situationen sinnvoll bzw. nützlich sein kann, die aber, vor allem dann, wenn sie zu einem kulturellen oder gesellschaftlichen Phänomen wird, negativ auf die Entwicklung und Veränderung von Mensch, Organisation und Gesellschaft wirken kann. Die Emotion Angst ist damit im Umfeld von Innovation durchaus auch bedeutend und vor ihr soll vor Weiterführung der Serie gewarnt werden.

Haben wir eine Angststörung?

Auf der einen Seite ist Angst eine gesunde Reaktion auf eine unbekannte oder bedrohliche Situation. Sie kann aber auch das Symptom einer psychischen oder körperlichen Störung sein und diese Störung können – so sehe ich das – auch Organisationen, Gesellschaften und Kulturen aufweisen.

Im Ausland gibt es den Begriff „German Angst“. Man unterstellt den Deutschen immer gleich das Schlimmste anzunehmen, weshalb sie sich für jedes noch so unwahrscheinliche Risiko absichern. Damit verbunden ist eine Tendenz möglichst lange an alten und früher einmal bewährten Dingen und Prinzipien festzuhalten. Der Deutsche wählt dann auch lieber vermeintlich abgesicherte Arbeitsverhältnisse als Angestellter oder gar Beamter, statt selbstständig oder unternehmerisch tätig zu werden.

Angst als Mittel der Führung

Es gibt in Deutschland eine ausgeprägte Kultur Angst als Mittel von Führung einzusetzen. Wir erleben dies in der Corona Krise besonders intensiv: Wer Menschen vor jedem potentiellen Risiko warnt oder beschützen möchte hat gerade sehr viele Zuhörer, Follower und Fans.

Aktuell befinden wir uns dabei ein einer zweiten Welle der „Warn – Kommunikation“: Da viele Menschen das Risiko von Corona inzwischen unterschätzen, bzw. auch die ständige Beschallung mit Corona Infos nicht mehr ertragen möchten oder sich einfach nach mehr Freiheit sehnen, greifen die Warner nun auf potentielle Folgewirkungen der Krankheit zurück, egal wie klein und wenig datengestützt die Studien auch sein mögen.

Die Angst wird benötigt, um die Menschen weiter auf Linie zu halten. Dieses Prinzip findet auch an anderen Orten, zu anderen Gelegenheiten und auch schon vor Corona seine Anwendung. Die Folge ist dann auch ein Nanny Staat, der nicht auf Vernunft, Intelligenz und Selbstbestimmung der Menschen vertraut, sondern für jedes falsche oder unerwünschte Verhalten eine Regel schafft, deren Einhaltung überprüft und sanktioniert wird. Am besten durch ein eigenes Amt: Dem Ordnungsamt. Dabei kann er auf die Unterstützung der meisten Bürger setzen, die in der Angst Gesellschaft entsprechend vorgeformt wurden

Angst lähmt

Angst bleibt als Mittel jedoch immer destruktiv und hinterlässt im Zweifel eine gelähmte und statische Gesellschaft, die sich eine Verbesserung durch Veränderung und Neues nicht mehr vorstellen kann und möchte. Alles was von der Normalität abweicht wird kritisch betrachtet und unterdrückt, Vielfalt und Austausch verschwinden, den Rest erledigen die schreienden Moralprediger in den sozialen oder öffentlich rechtlichen Medien.

Angst ist insofern auch ein Feind der Innovation und gerade aktuell werden viele Menschen, Organisationen und Institutionen derart von der Angst getrieben, dass sie ihr Heil bzw. Lösungen in der Schockstarre oder in der Bewahrung des Gestrigen suchen. Visionen über eine bessere Zukunft, vielleicht auch mit Corona sind nicht erwünscht, sie sind – wie man in Deutschland sehr deutlich erkennen kann – auch gar nicht mehr möglich.

Aber wir brauchen Innovation

Was uns zurückhält ist immer die Angst, egal ob es sich um individuelle, organisatorische oder auch kollektive Ängste handelt. Es ist immer die Angst vor Verlust. Dem Verlust von Sicherheit, Kontrolle, Vertrauen, Geld und schließlich des Lebens. Wenn wir uns von der Angst leiten lassen, ist unsere Zukunft bereits beendet, was wir jetzt brauchen ist aber Mut und Zusammenarbeit. Wir müssen gemeinsam viele kleine Schritte in die Entwicklung einer Innovationskultur gehen, die Wolf Lotter in seinem Buch: Innovation: Streitschrift für barrierefreies Denken in etwa so beschreibt:


„Eine Innovationskultur, die etwas taugt, weist nach vorne und weiß, was vorher war. Wir brauchen – im Sinne Karl Poppers »Offener Gesellschaft«8 – keinen Historizismus, sondern den Realismus des Gestaltenwollens. Nichts ist vorherbestimmt oder Schicksal. Dazu braucht man aber, das Allerwichtigste, nicht nur Innovatoren in Technik und Kultur, Sozialem und Politischem, sondern Alltagsinnovatoren, Bürger, die selbstbewusst und selbstbestimmt handeln. Immer wieder herausfinden, was richtig ist, das ist Innovation. Es ist ein endloses Spiel mit besseren Möglichkeiten und Chancen. Eine Verhandlungssache mit offenem Ausgang.“


Mehr über die Angst

Definition von Angst auf spektrum.de

Buch von Sabine Bode. Die deutsche Krankheit: German Angst

German Angst: Wie panisch sind die Deutschen. Artikel auf zeit.de

Tabakwerbeverbot: Deutschland auf dem Weg zum Nanny Staat auf nzz.ch

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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