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Agentur, Arzt oder Anwalt

Ich beginne mit einer Serie von Artikeln, in denen ich mich grundsätzlich mit dem Thema Social Media und Social Banking auseinanderzusetzen versuche. Es geht los mit der Frage, wer Unternehmen eigentlich dabei helfen kann Social Media zu nutzen. Sind es die klassischen Dienstleister, junge aufstrebende Social Media Agenturen oder Bedarf es möglicherweise vielmehr?

Social Media liegt im Trend. Sowohl Verbraucher als auch Unternehmen streben ins soziale Netz. Beweise? Der Stern machte in der letzten Augustwoche mit einem Artikel über Facebook, das inzwischen von mehr als 6 Millionen Deutschen zwischen 15 und 65 Jahren genutzt wird, auf. Insgesamt sind bereits 47 % der deutschen Internetnutzer Mitglied in einem sozialen Netzwerk. Bei den 14 – 29,- jährigen liegt der Wert sogar bereits bei 89 %. Besonders interessant ist dabei der steigende Grad eigener Aktivität: 32 % der Onliner und 55 % der 14 -29 jährigen haben sich bereits an Diskussionen im Internet beteiligt. Soziale Netzwerke waren bei den Befragten der TNS Infratest Studie bereits ein wichtigerer Informationskanal als SMS.

Da ist es nahezu ein natürlicher Effekt, dass sich auch immer mehr Unternehmen mit dem sozialen Netz beschäftigen bzw. beschäftigen müssen. Sie richten Twitter Accounts ein, eröffnen youtube Kanäle oder gründen Facebook Gruppen.  Die überwiegende Mehrheit der aktiven Unternehmen nutzt die neuen Dialog Instrumente aber einfach nur wie einen weiteren Kommunikationskanal, den sie mit den üblichen inhaltslosen Werbe und PR- Botschaften überschwemmen. Dabei setzen sie überwiegend auf Social Media Kampagnen, die von Agenturen geplant und ausgeführt werden und die dann ebenfalls ihre überkommenen Marketing Konzepte ins soziale Internet übertragen. Doch schon der Begriff Kampagne unterstreicht den Irrweg der dann beschritten wird, denn Social Media ist eine dauerhafte und wechselseitige Aktivität, also keine temporäre Kampagne.

Unternehmen und Agenturen befinden sich in einem fast verhängnisvollem Abhängigkeitsverhältnis, welches die Teilnahme an Social Media nahezu unmöglich macht. Für zahlreiche Agenturen ist Social Media nur eine weitere neue Kuh, die es durch das Dorf zu treiben gilt, um ihr wirtschaftliches Überleben in einer sich rasant verändernden Werbe- und Marketing Welt zu sichern. Es verwundert mich jeden Tag aufs Neue, welche klassischen Werbeagenturen auf einmal zum Social Media Experten mutieren und ihren langjährigen Kunden sogenannte Social Media Kampagnen verkaufen. Der Grund liegt natürlich auf der Hand: Nachdem der Wechsel zum „klassischen“ Internet noch halbwegs gelingen konnte, weil es auch dort zunächst einen Markt für Anzeigen und andere der Vermarktung begrenzten Werberaumes ähnliche Formate gab, muss nun mit Social Media Kampagnen versucht werden die Rolle als Intermediär irgendwie zu bewahren.
Das folgende Zitat -entnommen aus dem Buch „Was würde google tun“ von Jeff Jarvis – mag hier als Erklärung ausreichen: “ Es ist ein Kunden gesteuertes Geschäft, aber nicht sie sind unser wichtigstes Publikum. Unser wichtigstes Publikum sind unsere Kunden und deren Handelsmarken.“ Werbeagenturen profitieren nicht von wertvollen Beziehungen zwischen Kunden und Unternehmen. Sie verdienen mit dem steigenden Werbeetat ihres Auftragsgebers und mit möglichst kreativen Werbeideen. Werden mehr Werbebanner geschaltet, dann wird mehr Geld eingenommen. Selbst bei der Schaltung von Suchanzeigen bei google wird mit einer Agnturprovision gearbeitet. Im sozialen Internet sind nun allerdings ganz andere Dinge gefragt. Damit stellt sich grundsätzlich die Frage, ob Unternehmen wirklich gut beraten sind, ihre Aktivitäten im sozialen Netz einer Werbeagentur zu überlassen.

Unternehmen müssen selber reagieren und agieren, um wertvolle und tiefe Beziehungen zu ihren gegenwärtigen und zukünftigen Kunden aufbauen zu können. So wie der Mensch von Anfang an als Beobachter der Mitmenschen lernt sich kompetent in seiner sozialen Umwelt zu bewegen und so erst zum handlungsfähigen Subjekt wird, so müssen auch Unternehmen dies tun. Auch Unternehmen agieren in einer Umwelt, die sich aktuell durch zwei wesentliche Faktoren dramatisch verändert. Einerseits ist, nicht zuletzt durch die Finanzkrise verdeutlicht,  das Ende eines Wirtschaftsmodells gekommen, das Wachstum nur auf Kosten von Gesellschaft, Kultur, Ökologie oder der überwiegenden Mehrheit der Menschen erzielt . Darüber hinaus schafft das Internet neue Möglichkeiten und Werkzeuge, um menschliche Probleme sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Aufgaben durch Selbstorganisation zu lösen. Zusätzlich ist das Internet eine gewaltige Transparenzmaschine, welches die Wahrheit sehr schnell ans Licht bringt und noch dazu verbreiten kann.
Es zwingt die Unternehmen wieder auf verschollene, verdrängte oder aktiv unterdrückte menschliche Qualitäten und Bedürfnisse zurückzugreifen. Handeln im Kontext oder im System Wirtschaft wird sozusagen wieder auf Null gesetzt.

Unternehmen müssen ihre menschlichen Faktoren wieder entdecken und die in Zweckrationalität erstickten Qualitäten, Eigenschaften und Möglichkeiten wieder an die Oberfläche holen. Wenn Sie nicht selbst in der Lage sind menschlich zu agieren  – und die Beobachtung der Unternehmensaktivitäten im Social Media Umfeld legen diesen Schluss leider nur allzu oft nahe- haben sie unter den Bedingungen der Internetökonomie ein grundsätzliches Problem. Hier ist eher ein Arzt als eine Agentur gefragt. Grundvoraussetzung ist übrigens ein gutes Produkt. Dass ist prinzipiell auch nichts Neues. Schlechte Produkte haben jedoch keine Chance mehr. Wer ein schlechtes Produkt besitzt braucht mit Social Media auch gar nicht erst anzufangen. Denn das soziale Internet entlarvt die klassischen marketing technischen Verschleierungstechniken sehr schnell und effektiv. Hier hilft dann nur noch der Anwalt oder Lobbyismus. Zumindest für einen gewissen Zeitaum.

Lesen Sie demnächst mehr im zweiten Teil: Ich werde versuchen darzustellen, was Unternehmen (Banken) tun können oder sollen.

Und hier noch einige interessante Links zum Thema:

Die negative Seite von Social Media

http://www.ethority.de/weblog/2009/09/13/blogschau-hassmartin-twitter-pobel-und-die-blog-reaktionen/

Kann der Anwalt wirklich helfen?

http://www.ethority.de/weblog/2009/09/01/blog-schau-jakos-pr-desaster/

Und die entscheidende Frage musikalisch präsentiert.

How will I  (Unternehmen) know if he (Verbraucher/Kunde) really loves me?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=aiJ_2zQYUFg]
Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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