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6 Fragen von Boris Janek an Katharina Beck

Anmerkung:Das Interview mit Katharina Beck wurde schon vor mehreren Wochen geführt. Es lag zeitlich also vor dem Ende der Noa Bank

Katharina Beck ist Managing Director beim Institut für Social Banking in Bochum. Ich freue mich über ihre Bereitschaft mir ca. sechs Interviewfragen und eine Zusatzfrage zu beantworten. Ein letzter Höhepunkt bevor in diesem Blog für kurze Zeit Urlaubsruhe einkehrt.

Was ist Social Banking?

Social Banking ist ein Bankwesen, das sich an den Bedürfnissen von Mensch und Natur orientiert. Hier steht das gesellschaftliche Wohl im Mittelpunkt, das mit dem Medium Geld verbessert werden soll. Profite dienen dem Aufbau des Geschäftsmodells und ihre Maximierung ist bei keiner Social Bank Unternehmensziel. Social Banks übernehmen Verantwortung dafür, welche Projekte sie finanzieren und wo sie ihr Geld anlegen. Social Banking ist transparent und stellt sich dem gesellschaftlichen Dialog.
Ich möchte gern dazu sagen, dass es keine fest stehende, wissenschaftliche Definition von Social Banking gibt. Und auch in der Praxis haben viele Banken einen unterschiedlichen Fokus in Bezug auf die Sektoren, die sie primär finanzieren. Aber die genannten Merkmale sind es, die alle jene Banken charakterisieren, welche wir Social Banks nennen.
Social Banking 2.0 erhält zunehmend Bedeutung. Hier geht es um ein auf dem Web 2.0 basierendes Bankwesen, das sich vor allem durch Transparenz und Partizipation auszeichnet. Was mit dem Geld dort finanziert wird, steht hier aber im Gegensatz zum Social Banking nicht im Mittelpunkt. Bei Social Banking geht es um das Was, bei Social Banking 2.0 um das Wie.

Wer kann sich Social Banking eigentlich leisten?

Jeder. Es kommt auf die Prioritäten an, die man im Leben setzt. Ist man ausschließlich auf eine hohe Rendite aus, dann kann man sich Social Banking nicht leisten, muss aber akzeptieren, dass man wahrscheinlich Rüstungsfirmen, Kinderarbeit und Umweltzerstörung mitfinanziert. Geld ist häufig zum einzigen Ziel, ja zum Selbstzweck im Banking geworden. Man vergisst, dass man mit Geld die Gesellschaft formt.

Girokonten bei Social Banks sind übrigens in der Summe nicht teurer, wie auch gerade die Börse Online wieder belegt hat. Und die Anlagerenditen sind marktüblich und nicht wie oft angenommen unterdurchschnittlich. Angreiferkonditionen wird man allerdings bei einer Social Bank nicht finden können.

Warum ist Banking heute nur so selten „Social“? Müssen wir nicht weitere gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Grundlagen schaffen, damit Social Banking überhaupt möglich und zukunftsfähig ist?

Ihre zweite erläuternde Frage stellt ja schon die Hypothese auf, dass wir einen Wertewandel benötigen, um ein soziales Bankwesen überhaupt ermöglichen könnten. Dem stimme ich zu. Die Frage ist allerdings, wie man zu diesem neuen Bewusstsein kommt.
Zunächst muss überhaupt erst einmal offen und transparent über Geld gesprochen werden. Ich muss wissen, dass Geld keine abstrakte Zahl ist, sondern ganz reale Effekte hat. Über die gilt es, sich auszutauschen. Wie das Geld- und Wirtschaftssystem funktioniert, muss stärker in die schulische Bildung einfließen. An Wirtschaftsfakultäten müssen die Umwelt- und sozialen Kosten in die Modelle eingepreist werden. Beziehungsweise die Studierenden müssen lernen, dass sich vielleicht nicht alles, was dem Menschen wichtig ist, metrisch messen lässt. Auch hier ist ein dynamischer Dialog der Wissenschaften gefordert. Interdisziplinäres Lernen wird eine immer zentralere Rolle spielen.
Der Staat darf die unglaublich befruchtende Rolle der Kultur nicht vergessen und sollte sich von einigen Einflüssen emanzipieren, um sich wieder stärker für Kunst, Kultur und Kreativität einzusetzen. Denn für die ganzen Probleme (Klimawandel, Armut, Urbanisierung, Bevölkerungsexplosion im Süden, -Rückgang im Norden, Energieversorgung), vor denen wir dummerweise nun mal stehen, bedarf es kreativer Menschen, die „out of the box“ denken und handeln können. Hier ist auch Mut gefragt, alte Modelle noch einmal auf ihre Tauglichkeit zu prüfen oder völlig neue Ansätze umzusetzen.

Gibt es einen Trend zum sozialen Banking? Und welche Verbraucher werden Kunde einer sozialen Bank?

Wir erkennen ganz klar einen Trend zu mehr Interesse an unserer Arbeit als vor dem öffentlichen Ausbruch der Finanzkrise 2008. Diese Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Ich kenne Studien, die davon ausgehen, dass ca. 30% der Deutschen zu potenzielle Kunden von Social Banks sind. Generell wird angenommen, dass diese Menschen ein hohes Bildungsniveau haben und zum besser gestellten sozioökonomischen Milieu gehören. Verbraucherstudien und die Kundenprofile von Social Banks stehen allerdings derzeit nicht im Fokus meiner Arbeit, weswegen ich diese Frage an unsere Mitgliedsinstitutionen – alles Social Banks – in Deutschland, die GLS Bank und die Triodos Bank, weitergeben möchte.
Mir persönliche gefiele es sehr, wenn Social Banking zum Normalfall würde, denn nicht nur gut gebildete und sozioökonomisch gut gestellte Menschen haben Interesse daran, dass mit ihrem Geld keine Kinderarbeit und/oder Gewalt finanziert werden. Die Annahme des elitären Social Banking steht für mich nicht im Einklang mit dem Ziel einer gerechteren Gesellschaft für alle. Social Banking ist kein Produkt, mit dem man sich schmückt, sondern vielmehr eine Grundeinstellung, die von Verantwortungsliebe und einer Freude an einer glücklicheren Gesellschaft geprägt ist.

Ist der Ausbildungsgang zum Social Banking manchmal auch so etwas wie eine Umerziehungsmassnahme, d.h. müssen soziale Banker erst einmal alles verlernen, was sie in ihrem Leben gelernt haben?

Der Slogan des MA Social Banking and Social Finance, auf den Sie sich sicher beziehen, ist “Be the change.”. Er richtet sich an Berufstätige mit mehrjähriger Erfahrung im Banken- und Finanzsektor. Uns ist es wichtig, dass unsere Studierenden ihr eigenes Veränderungspotenzial erkennen. Sie sollen befähigt werden, dieses zu nutzen, um sich in ihrer eigenen Berufspraxis für ein “besseres” Banken- und Finanzwesen einzusetzen.
Der Studiengang ist freiwillig. Wer nicht inhärent Freude daran hat, sich selbst und seine Arbeit kritisch zu reflektieren, wird diesen Studiengang gar nicht erst beginnen. Der Begriff „Umerziehungsmaßnahme“ hört sich so an, als würden wir brachial von vorne her Unterricht machen. Bei uns sind die Studierenden aber selbst die Experten, wir unterstützen sie „nur“ methodisch und inhaltlich auf ihrem akademischen Weg der Veränderung.
Da es sich bei den Kompetenzen eines Social Bankers viel um so genannte „weiche Faktoren“ handelt, sollten soziale Banker überhaupt nicht alles verlernen, was sie in ihrem Leben gelernt haben. Ganz im Gegenteil, als sozialer Banker greift man auf viel mehr (soziale und kognitive) Kompetenzen zurück, als man dies als „normaler“ Banker tut, bei dem das einzige Ziel der Verkauf / die Profitmaximierung ist. Soziale Banker haben die spannende Aufgabe, ständig betriebswirtschaftliche, soziale und ökologische Kriterien in Einklang bringen zu dürfen. Dafür benötigen sie alle möglichen Kompetenzen, die sie in ihrem bisherigen Leben gelernt haben.

Braucht man für Social Banking das Internet? Hilft das Internet und insbesondere Social Media ihrer Mission?

Für Social Banking in unserem Sinne „braucht“ man das Internet nicht. Wie gesagt geht es darum, was die Bank finanziert und welche Projekte in der Gesellschaft gefördert werden.
Das Social Web mit seinen Partizipationsmöglichkeiten bietet aber sehr gute Tools, um das Wie des Social Banking stärker zu betrachten. Dabei geht es nämlich um Transparenz und Dialog, wirklichen offenen Dialog und nicht eine unidirektionale Marketingkampagne. Im interaktiven Web 2.0 sind zentrale Werte wie Transparenz, Dialog und Partizipation in Besonderer Weise umsetzbar. Deswegen erachte ich das Social Web als herausragende Möglichkeit für die Social Banks, ihre Werte stärker zu leben und mit ihren Kunden zu teilen.

Die Zusatzfrage:

Nennen Sie mir doch einmal Ihren Lieblingsfilm und sagen Sie mir warum man diesen Film unbedingt sehen sollte?
Ich habe keinen Lieblingsfilm, außer vielleicht „The Life of Brian“. Dazu muss ich ja wohl nichts sagen. 😉
Ein lustiger Film, den ich gern empfehle, weil er so polemisch ist, dass er schon wieder toll ist, ist der Money Clip von Greencity Energy.  http://kathabeck.wordpress.com/2010/03/06/weist-du-was-dein-geld-so-treibt/

Außerdem natürlich „The story of stuff“ und alle anderen „The story of..“-Filme.  http://www.storyofstuff.com

Die anderen Interviews der Reihe

Axel Liebetrau (Zufkunftsforscher und Managementberater)

Matthias Kröner (Fidorbank AG)

Thorsten Hahn (Banking Club)

Frank Kleinert ( Innovationsmanager bei einer Rechenzentrale)

Alexandre Janicki (Credible Finance)

Herr Carlo Bewersdorf (Asstel ProKunde)

Florian Schwarz und Florian Schwarzbauer (Die Bankonauten)

Marko Haschej (Raiffeisenbank Eberndorf)

Guido Augustin (Bürgschaftsbank Hessen)

Lothar Lochmaier (Social Banking 2.0)

Suitbert Monz (R+V)

Dr. Harald Meissner (Hochschulprofessor und Unternehmer)

Mustapha Behan (whofinance)

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Volksbank

    Wenn potenienell 30% der Deutschen social banking machen würden, dann sollten die Vorreiter auf diesem Gebiet eine agressive Expansionsstrategie haben. Ist das der Fall? Werden hier Chancen genutzt oder verpasst?

  • kathabeck

    Liebe Volksbank, diese Strategien gibt es. Den Social Banks ist das „window of opportunity“ durchaus bewusst. Da das Wachstum von einzelnen Organisationen immer ein wenig Zeit braucht, haben die Banken mit der Gründung der Global Alliance for Banking on Values (www.gabv.org) eine weitere Strategie entwickelt: Wachstum durch Kooperation. Die Global Alliance hat zum Ziel, bis 2020 das Leben von 2 Mrd. Menschen zu berühren. Hier helfen natürlich die großen Mikrofinanzbanken wie BRAC Bank in Bangladesch und Mibanco in Peru. Aber auch in Deutschland wächst bspw. die GLS Bank um derzeit 30%.
    Nichtsdestotrotz sehe ich Bedarf, auch neue, regionale (?), Social Banks in Deutschland zu gründen, um das starke Potenzial schnellstmöglich auszunutzen. Allerdings nicht in einer unausgegorenen Variante wie der Noa Bank (s. zum Ende der Noa Bank meinen artikel unter http://www.karmakonsum.de/2010/09/02/gastbeitrag-warum-die-%E2%80%9Earche-noa%E2%80%9C-bank-gekentert-ist/).

  • lochmaier

    Hallo Frau Beck,

    einige Elemente um Social Banking sind gut heraus gearbeitet. Aber ein Satz zur Definition 2.0 hat mich doch irritiert:
    „Was mit dem Geld dort finanziert wird, steht hier aber im Gegensatz zum Social Banking nicht im Mittelpunkt. Bei Social Banking geht es um das Was, bei Social Banking 2.0 um das Wie.“
    Woher wissen Sie das so genau? Ist das nicht die Marketingbrille einer Ökobank oder Social Bank 1.0. Hier wäre mehr Neutralität Ihrerseits gefragt, denn der Verwendungszweck spielt auch beim Social Banking 2.0 eine mitunter sogar große Rolle, da also generell zu sagen, das sei nachrangig, was mit dem Geld passiert und welche Projekte finanziert werden, das verdeutlicht gerade das konzeptionelle Problem der Ökobanken, dass sie letztlich über die internetbasierten Varianten etwas überheblich herunter blicken, weil sie glauben, nur sie selbst haben die richtige Definition.
    Ich würde die Definition von „Social“ weit größer ziehen als sie an reinen Umwelt- und Sozialprojekten festzumachen. Schade, mit dieser Form der ideologisch gesteuerten Aussage lässt sich insbesondere dem Phänomen Social Banking 2.0 nicht auf die Spur kommen. Natürlich stehen auch die neuen Varianten 2.0 auf dem Prüfstand, aber der gesellschaftliche Paradigmenwandel spielt sich auf allen Ebenen ab, und nicht nur exklusiv bei den Ökobanken.

  • kathabeck

    Lieber Herr Lochmaier,

    herzlichen Dank für Ihren Kommentar, dessen Ausrichtung ich nachvollziehen kann. Dennoch möchte ich betonen, dass ich den Satz absolut nicht wertend meine. Wenn man sich die Akteure des Social Banking 2.0 ansieht, dann gibt es dort keine Policies, WAS finanziert werden soll. Es gibt eine starke Konzentration auf die (WIE-) Werte Transparenz, Dialog und Partizipation. Die Dienstleister an sich geben allerdings keine Vorgaben, WAS finanziert werden soll.
    Das ist alles, was ich damit meinte. Meine WAS / WIE Unterscheidung bezieht sich auf die Vorgaben der Akteure. Die KundInnen und Kunden innerhalb der Netzwerke sind da natürlich nicht mit eingeschlossen.
    Herzliche Grüße, Katharina Beck

  • Sechs Fragen von Boris, sechs Antworten von Marco Ripanti | Finance 2.0

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  • Thomas Petruschke

    Lieber Herr Lochmeier,
    Liebe Katharina,

    Ich finde das Interview gehaltvoll und sprachlich sehr gelungen. Es ist eine gute Zusammenfassung wo die Debatte zum Social Banking gerade grundlegend steht..

    Eine Sache sollte in Zukunft vielleicht noch stärker betont werden: Aus meiner Sicht decken Social Banking Produkte ein weiteres Feld von Bedürfnissen ab als traditionelle Bankprodukte.

    So habe ich mit meinem Anlage bei einer Social Bank zwar möglicherweise eine geringere Rendite, aber dafür „bekomme“ ich eben auch die Befriedigung meines Bedürfnisses nach positiver gesellschaftlicher Gestaltung. Diese „decke“ ich sonst möglicherweise durch Spenden oder freiwillige Arbeit ab. Damit relativiert sich der „Preis“ des Social Banking.

    Herr Lochmeier Sie haben aus meiner Sicht recht, wenn Sie beim Begriff Social Banking 2.0 auch in ihrer Leseart das „Was“ in den Mittelpunkt stellen. Schliesslich ändert sich das “ gesellschaftlich Richtige“ ständig. Die einzige Möglichkeit diesen „iterativen“ Prozess in Vergabepraktiken von Banken zu internalisieren ist der verstärkte Diskurs mit den Anlegern, auch in neuen Formaten.

    Viele Grüße,

    Thomas Petruschke
    Institute for Social Banking

  • Marktprognose: Sechs Millionen „Social Banker“ lügen nicht « Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

    […] Dazu greife ich gerne einen Kommentar von Thomas Petruschke vom Institut for Social Banking (ISB) auf: „Die einzige Möglichkeit diesen iterativen Prozess in Vergabepraktiken von Banken zu internalisieren ist der verstärkte Diskurs mit den Anlegern, auch in neuen Formaten.“ Mehr dazu einschließlich der Kommentare im lesenswerten Interview mit Katharina Beck vom ISB bei Finance 2.0.  […]

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