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Misslungene Sozialisation?

Erster Akt:Venessa Miemis (the future of money) versteht die Welt nicht (mehr). Oder anders formuliert: Sie versteht die Welt der alten Männer und Frauen nicht. Jener alten Männer und Frauen aus meiner und der vorhergehenden Generationen. Und besonders gross ist ihr Unverständnis gegenüber jenen Menschen, die innerhalb der Finanzbranche arbeiten. Ihr Unverständnis lässt sich mit dem folgenden Zitat ganz gut zusammen fassen:

The problem isn’t just that we are speaking different languages, but that we live in different worlds.

Der Artikel d Venenessa Miemis nach der Veranstaltung geschrieben hat und aus dem hier zitiert wird.

Akt Zwei: Der Vortrag von Venessa Miemis auf der SIBOS 2010 hat Wirkung erzielt und Spuren hinterlassen. Nicht die Spuren, die sich Venessa Miemis gewünscht hat:

The video we presented during Monday morning’s keynote was intended to plant a seed about what is going on, to provoke them, to inspire them. The feedback I received afterwards was mostly positive, but the message seems to have mostly gone over their heads.

Aber es ist zumindest eine Diskussion entstanden zwischen Menschen, die sie überhaupt nicht verstanden haben (oder wollten). Die stattdessen wohlwollend (eben väterlich oder mütterlich)  aber verständnislos den Kopf schüttelten über die Naivität der jungen Frau und der Menschen, die in ihrem Video agierten. Denn schließlich ist „Banking“ kein Spielplatz sondern Big Business, in welchem Wünsche nach sozialer Relevanz und werthaltiger Unternehmensziele keine Rolle spielen können.

So reagierte zum Beispiel Elisabeth Lumley von Finextra, die offensichtlich in ihrer langjährigen Berufszeit innerhalb der Bankenbranche schon manchen Hype hat kommen und gehen sehen. Und sich auf Basis dieser Erfahrungen gelassen zurücklehnt und davon ausgeht, dass auch das, was gerade in der Bankenbranche passiert, inklusive Social Media und Social Banking, bald wieder Vergangenheit ist. Also – wie wir in unserem Land sagen: Nichts so heiss gegessen wird, wie es gekocht wird.

When you, as an innovator, come up with a hot new strategy or bit of tech that will make every bank a seamless, automated, cost saving, customer enhancing dream firm, I do understand the tendency to bristle when someone expresses scepticism. Someone, who may have a few more, (possibly, cynical) world-weary years of experience over yourself. The tendency to sign and say ‚Oh well, another grey suited, old-fogey that ‚just doesn’t get it‘, must be hard to resist.

Nun ist sicherlich nicht auszuschliessen, dass Eliabeth Lumley  auch ein wenig Recht hat. In jedem Fall versteht hier die ältere Generation die jüngere Generation nicht. Das ist aber nichts Neues. Denn wir alle waren einmal jung und kennen dieses Gefühl und die Kämpfe aus eigener Erfahrung. Allerdings hatten wir damals nicht die Werkzeuge, um uns Parallelwelten aufzubauen, aus denen heraus faktische Gegengewichte zu den bestehenden Verhältnissen erwachsen konnten. Das Internet liefert der heutigen Generation junger Menschen jedoch mächtige Werkzeuge, um Dinge nicht nur neu zu denken und in verbalen Kämpfen auszudrücken sondern diese sogar um- und gegen die alten Verhältnisse einzusetzen.

Insofern ist zu befürchten, dass  Elisabeth Lumley schon bald die Welt nicht mehr versteht, denn offensichtlich stellen die Spielzeuge der älteren Menschen und deren Kampf um Macht und Geld für viele junge Menschen überhaupt keinen Wert mehr da.

Elisabeth Humley in ihrem Blog bei finextra.com

Akt Drei: Brett King und Chris Skinner, die wir ja als innovative Denker der Bankenbranche kennen, waren offensichtlich auch Beide auf der SIBOS 2010 und haben den Film von Venessa Miemis gesehen. So hat Brett King auch auf den Blog Post von Frau Lumley geantwortet. Das folgende Zitat bringt seine abweichende Meinung auf den Punkt:

Financial services may not be changing, but the world is. There will be some in the FSI sector that adapt and change with this, and others that watch the change from afar. But the fact is change will occur whether we like it or not. Call it innovation, call it behavioral shift, call it progress – the fact is change is speeding up and putting your head in the sand is a very different strategy to deciding to try to scale everest. Those are essentially the choices…

Wenn die Welt sich verändert und zwar schneller denn je, und die Finanzbranche es nicht tut. Tja: Wie sagen wir in Deutschland: Wer sich nicht verändert, wird verändert. Es gibt da ja Branchen, die das schon erfahren haben und nur noch über GEZ ,GEMA, Leistungsschutzrecht oder ähnlichen Schwachsinn reanimiert werden können.

Chris Skinner schreibt auch sehr viele kluge Sachen zur stummen Verständnislosigkeit zwischen Venessa Miemis und jenen Menschen, welche sie repräsentiert und den Bankern, die auf der SIBOS 2010 natürlich auch in der Überzahl waren. Auch er sei hier kurz zitiert:

But he is right.And she is right

Dieses Zitat wirkt ein wenig aus dem Zusammenhang gegriffen und ich empfehle tatsächlich seinen ganzen Artikel zu lesen, es gibt aber seine vermittelnde Haltung, die zwar ein wenig grossväterlich wirkt, aber durchaus auch seine Richtigkeit hat, wieder. Welche Forderungen und Wünsche können Banken nach Chris Skinner erfüllen?

I think she points to some interesting things that banks could do: more transparency, more information enrichment, more analysis of customer needs and opportunities. Her request is for banks to enable her to be more socially connected with people, causes, services and investments that suit her lifestyle.

Banks could, should and some are doing something about all of these areas, which I’ll blog about tomorrow, but overall Venessa is talking about something fundamentally different to banking.

Der Chris Skinner Artikel – The Financial Service Blog

Vierter Akt: Wenn es also nach Chris Skinner geht, haben alle Recht. Jeder kann sich also wohl fühlen. Bei mir hat die Diskussion aber auch den ein oder anderen Gedanken ausgelöst. Und dieser Gedanke wurde durch eine Studie verstärkt, von der in dieser Woche einige Zeitungen berichtet haben. Ich bin auf der Facebook Seite der Fidorbank darauf aufmerksam geworden.

Ein Ergebnis der Studie: Nur jeder zweite Jugendliche weiß, was ein Girokonto ist und nur jeder vierte Jugendliche ist selbstständig in der Lage herauszufinden, wie man den günstigsten Handy Vertrag ermitteln kann. Mit anderen Worten: Jugendliche haben keinerlei Ahnung von Finanzen. Ein weiterer Beweis dafür: Die Zahl der Privatinsolvenzen bei jungen Menschen steigt. Offenbar ist kurzfristiger Konsum wesentlich wichtiger als Sparen. Das Leben auf Pump ist Normalität.

Und was hat das mit Venessa Miemis zu tun?Es gelingt unserer Gesellschaft offenbar immer weniger die nachwachsenden Generationen zu sozialisieren und zu integrieren. Selbst wichtiges Alltagswissen kann vom maroden Bildungssystem nicht mehr vermittelt werden. Der lange Zeit geltende gesellschaftliche Konsens bröckelt. Bezogen auf die Finanzwelt bedeutet dies: Geld wird zwar nach wie vor gerne für Konsum ausgegeben, aber dafür muss man dieses nicht mehr verdienen. Irgendwo bekommt man schon Kredit. Im Zweifelsfall helfen noch die Eltern. Die klassischen Institutionen werden nicht mehr akzeptiert. Banken verlieren an Vertrauen. Einige haben ja sogar vorgemacht, dass man auch unlauter zu Geld kommen kann.

Was Venessa Miemis ausdrückt, ist möglicherweise viel mehr als der Wunsch nach anderen Banken. Sie steht für eine Generation von Menschen denen Geld als Wert weniger bedeutet. Die nach neuen Wegen des Austausches und der Bewertung von Leistungen suchen. Die sich eine sozialere und weniger ausbeuterische Welt wünschen. Eine Generation, die begriffen hat, dass es um ihre und nicht die Zukunft der schwarz gekleideten alten Männer und Frauen geht. Venessa Miemis wünscht sich eine nachhaltigere Wirtschaftskultur und eine Politik für Menschen und nicht für Unternehmen und zerstörerische Institutionen. Und sie hat das Recht dazu, weil sie jung ist und noch eine Zukunft haben möchte. Ist das falsch? Ist das naiv? Kann die Finanzbranche diese Wünsche ignorieren? Vielleicht noch einige Jahre. Mal sehen, welche Gebühr man sich einfallen lässt. Wobei haben wir nicht gerade erst durch unsere Steuern die Finanzbranche gerettet?

Und hier noch mal was von Umair Haque. Es geht um die Verbesserung von Institutionen. In dem Artikel ist zwar nicht alles gold, aber er hinterfragt jene Selbstverständlichkeiten, welche für viele als Naturgesetze gelten. Auch Banken fielen nicht vom Himmel.

http://blogs.hbr.org/haque/2010/09/the_institutional_innovation_m.html

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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