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Land ohne Vertrauen

Angst als Institution

Im englischen Sprachgebrauch hat sich der Begriff „German Angst“ eingebürgert. Wir Deutschen sind möglicherweise ein besonders ängstliches Volk. Wir leben in einem Land  mit besonders ängstlichen Menschen. Das hat natürlich historische Gründe. Aber irgendwie ist Angst in Deutschland auch institutionalisiert. Angst ist ein Mittel, welches gesellschaftliche Institutionen, Organisationen und auch Mensch einsetzen um Ziele zu erreichen und um die andere Seite davon abzuhalten sich weiter zu entwickeln oder etwas zu verändern.

Der institutionelle Andere kümmert sich schon

Es kommt hinzu, dass Deutsche gelernt haben, sich auf andere zu verlassen. Über Jahrzehnte haben wir gelernt, dass immer einer da ist, der sich um uns kümmert. Wir haben gelernt unser Schicksal in die Hände Anderer zu legen. Für jedes Schutzbedürfnis gibt es einen Verein oder eine Organisation: Mieterschutz, Verbraucherschutz, ADAC, Mutterschutz etc.

Ich möchte solche Errungenschaften gar nicht in Frage stellen, aber es könnte auch sein, dass die Unmündigkeit der Bürger bestimmten Stellen oder Menschen gar nicht so ungelegen kommt. Einige wenige profitieren.  Wenn die Mehrzahl der Menschen aber nicht das Rüstzeug besitzet, ihr Schicksal zu bestimmen und stattdessen auf Organisationen angewiesen sind, dann schadet dies zunächst den einzelnen Menschen und dann den Organisationen, den Institutionen und so weiter. Vor allem dann, wenn sich sich die Umwelt immer schneller verändert.

Nicht nur die Menschen haben Angst

Das mit der „German Angst“ wird noch schlimmer, wenn auch die Institutionen und Organisationen beginnen Angst zu entwickeln. Um es deutlich auszudrücken:

Die Menschen haben Angst vor der Zukunft. Sie haben aber auch Angst vor den Organisationen, Unternehmen und Institutionen. Sie Vertrauen Ihnen nicht mehr. Sehen tagtäglich  dass  Probleme nicht mehr adäquat und langfristig gelöst und  noch nicht mal mehr verstanden werden. Oder sie stellen fest, dass Regeln skrupellos verletzt oder Entscheidungen getroffen werden, die an den Interessen der Menschen vorbei gehen. Die Organisationen entwickeln auf der anderen Seite Angst vor den Menschen: Politische Entscheidungen werden nicht mehr akzeptiert oder hinterfragt. Kunden nutzen Social Media Seiten, um sich über Unternehmen zu beschweren. Im Gegenzug haben die Unternehmen Angst Social Media zu nutzen.  Politiker haben Angst vor den Bürgern. Banken vor Kunden und der Politik. Jeder hat Angst. Keiner vertraut mehr.

Kann das gut gehen?

Und was hat uns nur so ruiniert? Liegt es vielleicht auch an der, der zunehmenden Individualisierung geschuldeten, Entsolidarisierung. Früher gab man Menschen noch Perspektiven heute gibt man Ihnen nur noch die Schuld. Früher hat man sich gegenseitig noch geholfen, heute erschöpft sich Hilfe oder Verständnis häufig auf den gefällt mir Klick. Und wobei hilft einem die Bank. Wie ehrlich geht sie mit uns um. Wie einfach macht sie es uns? Wie sehr vertraut sie uns und was tut sie, wenn wir mal unseren Verpflichtungen nicht nachkommen können

Vertrauen ist ein gutes Stichwort

Hans Jörg Leichsenring berichtet im Bank Blog von einer Studie des GFK Vereins. Durchgeführt in 28 Ländern auf der Basis von 28.000 Interviews. Das Ergebnis nicht überraschend aber bedenklich. Dem Handwerk wird vertraut (herzlichen Glückwunsch) den Banken überhaupt nicht. Interessantes Ergebnis am Rande: Auch der Branche der Unterhaltungselektronik wird vertraut. Wer unterhält kann offenbar punkten.

Wo Angst ist, da ist kein Vertrauen. Fehlendes Vertrauen ist noch keine Angst. Je weniger Vertrauen ich jedoch habe, desto größer wird das Gefühl der Bedrohung. Die Möglichkeit zur Entwicklung von Vertrauen ist in unseren Zeiten jedoch defizitär, denn das ein Verhalten einen erwartbaren und positiven Ausgang haben wird, ist immer voraussetzungsvoller und immer prekärer. Die Suche nach Menschen oder Organisationen, denen man vertrauen kann, wird immer schwieriger, denn alle befinden sich im Prozess der Auseinandersetzung mit der Komplexität und dem beschleunigten Wandel der Welt.

Welcher Organisation darf man vertrauen?

Wie kann ich einem Unternehmen vertrauen, das genug mit sich selbst zu tun hat und deren bisherigen Antworten nicht mehr funktionieren.

Wie kann ich Vertrauen gegenüber einem Unternehmen aufbauen, das mich im Call Center versauern und an der Kasse warten lässt.  (Tagtägliche Erfahrung)

Wie soll vertrauen entstehen, wenn die Mitarbeiter unmotiviert sind und ihren Kunden unfreundlich begegnen.  Vertrauen die Unternehmen ihren Mitarbeitern und vertrauen die Mitarbeiter dem Unternehmen oder nur den Kollegen?

Kann Vertauen entstehen , wenn Kundenanfragen in den sozialen Medien unbeantwortet bleiben? (Ergebnisse einer A.T. Kearney Studie, die Marketingbörse berichtet)

Kann man Vertrauen, wenn Kundeneinlagen an der Börse verzockt und mit Steuergeldern umverteilt werden? (Wir nennen es Finanzkrise)

Entsteht Vertrauen, wenn Politiker intransparent hinter verschlossenen Türen und mit mächtigen Wirtschaftsunternehmen am Tisch über Gesetze zur Internetregulierung diskutieren und sogar die Herausgabe von Informationen mit fadenscheinigen Argumenten zu verhindern suchen? (Bericht der Digitalen Gesellschaft)

Sind Talk Shows  mit greisen Politikern, die gestrige Lösungen für neuartige Probleme diskutieren vertrauensbildend? (Jeden Tag im TV)

Entsteht so Vertrauen?

Entsteht Vertauen nicht vielmehr, wenn alles reibungslos funktioniert. Wenn man sich aufeinander verlassen kann, wenn man nicht enttäuscht wird, wenn es Spass macht, wenn Kosten und Nutzen in einer ausgewogenen Balance stehen. Wenn Zeit im Flug vergeht oder nicht ins Gewicht fällt? Wenn etwas schön, einfach, vorzeigbar und oder teilbar ist. Wenn die eigenen Ziele und Bedürfnisse erfüllt werden bzw. erfüllbar sind. Wenn man das Gefühl von Kontrolle hat? Wenn man sich ernst genommen fühlt? Wenn man auf das Ergebnis stolz sein kann? Wenn man Teil einer Bewegung ist?

Wie kommt es, dass 43 % der Apple Nutzer eine Apple Bank begrüssen würde und jeder zehnte nicht Nutzer ebenfalls bereit wäre Kunde einer Apple Bank zu werden? (Banking with Apple)

Vielleicht diskutieren wir aber auch so häufig über Vertrauen, weil sich Vertrauen selber verändert

Was denken Sie?

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Sven Peter

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Vor allem wenn man als Laie auf das Wissen von Fachleuten angewiesen ist, hat man im Real Life sehr häufig das Gefühl, dass die Kosten-Nutzen-Balance in Richtung Fachmann ausschlägt.
    Sehr guter Artikel.

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