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Killt Echtzeit die Banken?

Das Leben wird immer schneller. Auch wenn die Monate, Tage und Stunden nicht wirklich schneller vergehen, sind wir einer täglich steigenden Komplexität und einem gefühlt rasantem Veränderungstempo ausgesetzt. In nahezu allen Lebensbereichen werden die eingespielten Selbstverständlichkeiten aufgelöst und hinterlassen uns verwirrt und hilflos. Es bleibt darüber hinaus kaum noch Zeit sich in aller Ruhe mit neuen Problemlösungen zu beschäftigen, geschweige denn diese langfristig zu etablieren. Alles geschieht in Echtzeit. Veränderung ist der Normalzustand und nicht die Ausnahme.

Wem wäre es unter solchen Bedingungen zu verübeln, orientierungslos zu verharren oder im Gegenteil jeder neuen Idee erst einmal blind nachzulaufen, ohne ihre Relevanz zu überprüfen bzw. mangels Bezugsrahmens überhaupt überprüfen zu können. Der Irrtum oder die kurzfristige Richtungsänderung wird zum Normalzustand werden. Auch für Unternehmen, die auf eine solche Welt kaum eingestellt sind.

Sind Banken auf eine solche Welt eingestellt.? Können grosse Unternehmen mit vielen tausend Mitarbeitern und Millionen Kunden überhaupt realisieren, was passiert. Und können sie- falls sie es realisiert haben-  sich entsprechend verändern oder anpassen, obwohl die Kasse noch klingelt.

Wie können Banken, deren Geschäft auf Langfristigkeit, Planbarkeit und Kalkulierbarkeit angelegt ist, mit einer Umwelt umgehen, in der Menschen ihr Leben immer stärker nach eigenen Ideen gestalten oder umgestalten können. In der eine feste – auf Jahre hinaus vorbereitete – Lebensplanung immer unwahrscheinlicher wird. In welcher höchste Variabilität gefordert und gewünscht wird. Die Erfahrungen, welche die Menschheit in den letzten 10 Jahren gemacht haben, führen zu  abnehmenden Erwartungen und zu abnehmendem Vertrauen. Von staatlichen Institutionen, der Politik, grossen Organisationen und auch Banken wird immer weniger erwartet und ihnen wird immer weniger vertraut.  Die Enttäuschung der Erwartungen konnte in den letzten Jahren auf allen Ebenen erlebt werden. Wenn die Altersversorgung nicht sicher ist, setzt man dann auf eine private Altersvorsorge bei Unternehmen, die auch nicht gerade erfolgreich in der Erfüllung von Erwartungen und der Rechtfertigung von Vertrauen waren. Wird da nicht alles beliebig? Nimmt man da sein Glück nicht lieber selber in die Hand?

Wird man in einer schnelleren und in Echtzeit funktionierenden Welt tatsächlich noch Interesse an klassischen Bankprodukten entwickeln oder wecken können?Wird man sich wirklich noch die Mühe machen in die Filiale zu gehen, wenn der Aufwand den richtigen Berater zu finden schon höhere Kosten erzeugt, wie der mögliche Irrtum bei der eigenen Entscheidung für ein Finanzprodukt. Das Internet tut sein übriges. Wir lernen tagtäglich, bzw. werden darauf ausgerichtet, den Maschinen mehr zu vertrauen als anderen Menschen oder uns selbst. Berater, die ich nicht über das Internet finden kann, sind für mich persönlich gar nicht mehr existent. Das liegt nicht nur an mir. Die Unternehmen haben mit Geldautomaten, Call Centern oder auch nur der Kundenkategorisierung, usw. eine Mitschuld. Auch Social Media ist nur dann wirklich “ Social“ wenn das Unternehmen von wahrhaftigen“ menschlichen und damit auch menschlich initiierten Gesprächen profitiert.

Das Internet führt zu einer Zerlegung der Welt. Es erzeugt einen weiteren Individualisierungsschub, der wie ein Drucker im Dauerbetrieb wirkt. Immer mehr Optionen, immer mehr Herausforderungen, immer weniger Orientierung, immer weniger Dauerhaftigkeit und Verbindlichkeit. Banking wird nur noch eine Funktion, die von vielen erbracht werden kann. Das Zeitalter der Banken geht definitiv zuende!

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • HGO

    Es ist die Frage, inwieweit LANGFRISTIGE (>4a) Interessen noch eine Rolle spielen. Es wird interessant sein, wie der Widerspruch (kurzfristiges Handel vs. langfristige Notwendigkeiten) in den Strategien aufgelöst wird!
    Eigentlich müssten Kreditinstitute ja hierbei führend sein, da die Fristentransformation ja mal ein Hauptgeschäftsfeld war. Früher.

  • Alex Peter

    Kann es sein, dass es genau anders herum ist?
    Das gesamte Finanzsystem (Finanzpolitiker, Zentralbanken, Banken u. a.) denkt und handelt immer kurzfirstiger. Die Kunden dagegen denken und handeln langfristig. Dies ließ sich in der Aktienbaisse 2008 auch nachweisen. Die institutionellen Anleger hatten Panik und haben die Baisse verschlimmert. Die Privatanleger haben ihre Bestände einfach gehalten, weil ihnen kurzfristige Schwankungen egal sind.

    Ich interpretiere die Ereignisse der letzten Jahre so, dass sich das Finanzsystem selbst, „in Echtzeit“, zerstört.

    Die Konsequenz könnte durchaus gleich sein: Das Zeitalter der Banken geht zu Ende

    AP

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