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Genossenschaften als digitale Wertschöpfungsplattform

Dieser Artikel fasst einen Vortrag zusammen, den ich Ende November im Rahmen einer digitalen Konferenz der Akademie Deutscher Genossenschaften vor Fach- und Führungskräften  gehalten habe. Unter der etwas sperrigen Überschrift: Genossenschaften als digitale Wertschöpfungsplattform versuche ich einen Bogen zu spannen von der erforderlichen Erhöhung der Innovationsambitionen der genossenschaftlichen Gruppe, über die Herausforderung durch Plattform Geschäftsmodelle und deren negativen Folgen für die menschliche Arbeit und Freiheit, bis hin zur Chance der Entwicklung einer genossenschaftlichen Plattformbewegung als Gegenmodell möglicherweise auch unter Einbezug der Blockchain Technologie.

 

Gross Denken

Für meinen Vortrag muss ich ein wenig den Boden unter den Füssen verlieren. Wir benötigen eine gemeinsame Vision  – eine Art Massive Transformative Purpose – angesichts einer technologischen Revolution, welche unsere ökonomischen, gesellschaftlichen und menschlichen Grundlagen fundamental, in einer von Menschen nie vorher erlebten Art und Weise verändern wird.  Wir brauchen mutige Ideen, die in der Zukunft stehen und diese gestalten bzw. neu erfinden. Bis in den letzten Winkel dieses Landes sollte die Botschaft angekommen sein, dass es keinen Sinn macht mühsam zu versuchen die Vergangenheit zu bewahren oder sich gegen die Zukunft zu stellen.

 

The Motivating Power of a Massive Transformative Purpose

Mutige Entscheider

Mein Vortrag ist auch ein Appell. In erster Linie ein Appell an jene Menschen, die das neue möglich machen oder es verhindern können. Sie entscheiden – weil sie weit oben in der Hierarchie angekommen – sind über unsere Zukunft. Ihr Umgang mit dem neuen, ihre Haltung oder vielleicht auch ihre Angst sind entscheidend für unsere gemeinsame Zukunft. Deshalb ist es wichtig sich mutig jener Art und Erneuerung und Innovation zuzuwenden, die dem Zeitalter der exponentiellen Technologien und Organisationen gerecht wird. In der Vergangenheit finden wir keine Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft. Software wird die Welt umgestalten und vertilgen.  Dafür sollten gerade die Entscheider die vollkommen neuen Regeln dieser Software Welt verstehen:

 

„Vielleicht ist dies der wichtigste Punkt, den wir verstehen müssen, wenn wir über die Revolution sprechen, die wir Software verzehrt die Welt genannt haben: Sie wird von jungen Menschen angeführt und schreitet weitgehend ohne jegliche Beaufsichtigung durch die älteren Generationen voran (auch wenn viele Erwachsene an ihr teilhaben).“

Zitat aus: Breaking Smart/Die Zeit der Neuorientierung

Was immer uns auch antreiben mag, am Alten, Gewohnten, Erarbeiteten oder auch Verdientem festzuhalten. Ändern wir diese Einstellung und folgen wir stattdessen dem Prinzip:

„Die beste Art die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu erfinden“

 

Exponentielle Technologie

Auf der Basis von Moores Gesetz, nach dem sich ca. alle 2 Jahre die Leistungsfähgikeit von Computerchips verdoppelt, erleben wir einen exponentiellen Wandel, der immer weitere Lebensbereiche erfasst, sich ständig beschleunigt und der noch dazu kombinatorisch abläuft. Zwei oder mehr exponentielle Technologien wirken zusammen und schaffen gänzlich neue Märkte, Organisationsmodelle und sogar Lebensumstände. Unter diesen Voraussetzungen ist es wenig vorstellbar, dass zum Beispiel die Grundprinzipien und Wertschöpfungsmechanismen der Finanzbranche noch eine Halbwertzeit von mehr als 5 bis 10 Jahren haben sollten, insofern ist es nahezu selbstmörderisch zu versuchen Nutzungsszenarien für Filialen zu suchen. wo es eigentlich darum gehen müssten Wert für Kunden, Unternehmen und das Ökosystem zu erzeugen.

 

Exponentielle Technologien definiert von Michael Haupt

 

Geschäftsmodelle

Die Erfinder und Anwender dieser Technologien finden wir zumeist in schnell wachsenden und gut kapitalisierten startups, die – getrieben von der auf Software und Daten basierenden Philosophie des Silicon Valleys – auch gänzlich neue Organisationsformen und Geschäftsmodelle hervorbringen.

 

Liste der Top 100 exponentiellen Organisationen
Diese neuen Unternehmen – so meine These – machen nahezu alles anders als etablierte Unternehmen und werden dies auch zukünftig nicht verändern, zum Beispiel weil Wachstum mehr Organisation und damit Bürokratie erfordern würde.

Sie verändern die Regeln des Wettbewerbs und wer hier noch eine Chance haben möchte, wird diese Regeln annehmen oder übertreffen müssen.

 

Plattform Geschäftsmodelle

Im Kern basieren Plattform Geschäftsmodelle auf Interfaces, die eine Schlüssel Interaktion zwischen einer Gruppe von Menschen (Peer Konsumenten), die Bedarf an der Inanspruchnahme eines Wertes, einer Leistung hat, der durch die Plattform bereitgestellt oder besser noch ermöglicht wird, und einer Gruppe von Menschen (Peer Produzenten), welche die Leistung zur Verfügung stellt oder stellen möchte und kann. Im Zuge der Plattform Nutzung werden aus Konsumenten dann Produzenten, die Ihre Leistung über die Plattform anbieten, teilweise sogar ohne dafür eine monetäre Gegenleistung zu erhalten.

Die Plattform ist durch die Nutzung von Netzwerkeffekten (die auf Technologie und Daten beruhen) in der Lage (natürlich muss sie die technologischen Kompetenzen besitzen oder aus dem Ökosystem nutzen können) die Plattform zu entwickeln, ressourcenarm zu skalieren und dabei Wert (einseitig) abzuziehen.

Zahlreiche Branchen werden durch Plattform Geschäftsmodelle auf den Kopf gestellt. Und natürlch machen Plattform Geschäftsmodelle  auch vor der Bankenwelt nicht halt. Gleichzeitig sind die klassischen Geschäftsmodelle der Banken immer weniger tragfähig und weisen eine immer kürzerer Halbwertzeit auf. Ben Robinson sieht in einem Artikel auf Fintech News Schweiz 4 Geschäftsmodelle für das digitale Zeitalter, die natürlich nicht alle gleich vorteilhaft sind. In seinem sehr lesenswerten Artikeln empfiehlt der den Banken vertikal integrierte offene Plattformen zu werden. Die weiteren Möglichkeiten, die er nennt sind Aggregatoren, Infrastruktur Provider und das klassische Full Service Angebot, dem er aber zurecht die schlechtesten Chancen einräumt.

 

4 Banking Business Models For The Digital Age

 

 

 

 

Hier sind einige Grundprinzipen von Plattformgeschäftsmodellen:

 

  • Sie basieren auf Information + Daten
  • Sie nutzen überwiegend externe Assets
  • Wenig (selbst bezahlte) Mitarbeiter
  • Lassen andere Wert erstellen
  • Ziehen Wert(e) einseitig ab
  • Wachsen exponentiell
  • Netzwerk statt Hierarchie
  • Sind so etwas wie der letzte Intermediär ( wenige statt viele Intermediäre)
  • Setzen auf Selbstständige ausserhalb des Unternehmens. Ermöglichen diese Selbstständigkeit

 

Wenige Gewinner, viele Verlierer

Startup Plattformen wie Uber, AirBNB, Upwork, Task Rabbit, Facebook, etc. werden von einigen Autoren auch als Todesstern Plattformen bezeichnet. Das Beispiel Uber mag die Berechtigung dieser Bezeichnung verdeutlichen. Das Unternehmen hat mehr als 8 Milliarden Dollar Venture Capital eingesammelt, macht 10 Milliarden Dollar Umsatz, verfügt inzwischen über 200.000 Fahrer und hat damit die Taxibranche in mehr als 300 Städten weltweit zerstört.

Der Marktwert von Uber beträgt inzwischen 51 Milliarden Dollar. Die Anzahl eigener Fahrzeuge Null, das mag sich im Zeitalter der selbst-fahrenden Autos verändern, dann jedoch wird die Zahl der Fahrer entsprechend dramatisch geringer. Unternehmen wie Uber können also extrem schnell und stark wachsen, ohne dabei Arbeitsplätze zu schaffen, von denen Menschen leben und mit denen sie sich vor ihren Lebensrisiken schützen können.

Man muss und kann diesen Plattform Unternehmen jedoch – ein Modell entgegen stellen – welches für die Mehrzahl der Menschen und nicht nur für einige wenige Superkapitalisten funktioniert.

 

How Platform Coops can beat death stars like Uber …

 

Genossenschaftliche Plattformen

Die Hoffnung für die Entwicklung eines Gegenmodells ruht auf der kooperativen oder genossenschaftlichen Bewegung. Jeremy Rifkin schreibt in seinem Buch die Null Grenzkosten Gesellschaft das Genossenschaften das einzige Geschäftsmodell sind, welches in einer „Null Grenzkosten“ Ökonomie noch überlebensfähig sind.

 

Trebor Scholz nennt 3 Prinzipien für die Entwicklung eines plattformbasierten Genossenschaftswesens:

1. Das Klonen des technologische Kerns von Uber + Co

2. Solidarität, also der Kern der genossenschaftlichen Idee, sowie Eigentumsrechte für die Produser, also nicht mehr Prosumenten, der Plattformen
3. Innovation + Effizienz Neu Denken .Also Innovation zum Wohle Aller zum Beispiel in Form eines genossenschaftlichen Business Model Canvas.

 

Wenn Genossenschaftsbanken diese Bewegung als Inspiration nehmen, dann werden diese in Zukunft mehr Genossenschaft und weniger Bank sein müssen. Sie werden Leistungen zur Verfügung stellen, die nur noch am Rande mit Geld und Zinsen zu tun haben und sie werden dafür neue Ertrags- und Geschäftsmodelle finden, bei denen Mitglieder wieder stärker Teil der Organisation sein werden und Mitbestimmung mehr ist als nur eine Randerscheinung.

 

In diesem Zusammenhang ist es sicher nicht uninteressant, dass viele Techologie Experten mit besonders großem Interesse auf p2p Netzwerke und nicht zuletzt auf die Blockchain Technologie schauen.

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Decentralized Peer-to-Peer Networks

„I’m most excited about the future of decentralized peer-to-peer (p2p) networks. As we’ve seen with the sharing economy, it may be all too easy for a small startup to siphon the wealth of a local community sharing resources amongst themselves. We can use technologies like blockchain, cryptocurrencies and BitTorrent to redefine value by integrating blockchain-based democratic decision making, decentralized peer-run organizations, and organizational principles from platform cooperativism. Ultimately, as this trend continues, we’ll have an opportunity to regenerate local economies with the resources already available instead of extracting value where there isn’t much to begin with.“

–Andrew O’Keefe, Media Producer

Mehr Dazu: In the Future, Ownerless


 

Der Bedarf ist da

Eine größere werdende Zahl von Menschen, Bewegungen oder Unternehmen ist nicht nur auf der Suche nach alternativen Geschäftsmodellen sondern nach einer alternativen Ökonomie. Bisher fehlt es aber an Koordination, finanziellen Mitteln bzw. auch an einer eigenen Plattform und gerade den deutschen Protagonisten fehlt die Umarmung technologischer Möglichkeiten.

 

Hier sind einige der zahlreichen Unternehmen bzw. startups dieser Bewegung:

 

Fairmondo

Backfeed

Stocksy

Colu

Money Circles

 

Blockchain

Einige der aktuell entstehenden Plattform Kooperativen nutzen bereits Blockchain. Blockchain ist eigentlich keine eigene Technologie, sondern nutzt verschiedenen Technologien, die es alle schon länger gibt. Blockchain ist prinzipiell eine dezentrale, nicht manipulierbare Datenbank, die für jeden transparent einsehbar ist und die jeder – wie eine Art Browser Software – auf seinen Rechner runter laden kann. Es handelt sich um ein kryptografisch verschlüsseltes p2p Netzwerk, welches prinzipiell sogar weltweit , also unter Einbeziehung aller Bürger der Erde funktionieren würde Die Blockchain kann auch als Wert Internet oder Vertrauens Internet bezeichnet werden und ermöglicht dezentrale Anwendungen, ohne Intermediäre.
Möglicherweise sogar eine weltweite 1:1 Ökonomie, bei der alle Macht und Möglichkeiten beim Menschen, Nutzer oder Kunden liegen. Bezogen auf unser Gegenmodell zu Uber und Co. würde sie also Plattformen ohne echtes Zentrum ermöglichen, also Plattform ohne Plattform und diese Plattform könnte eine weltweite genossenschaftliche Plattform sein

Bitcoin ist eine erste Anwendung der Blockchain. Wir sprechen von Blockchain 1.0. Es gibt heute mehr als 200 weitere Crypto Währungen. Auf Basis von Blockchain könnte  jeder seine eigen Crypto Währung erschaffen. Zum Beispiel auch eine genossenschaftliche Währung.

Eine weitere Möglichkeit sind die sogenannten Smart Contracts, die ebenso wie alle anderen Möglichkeiten dezentralen Finanzwesens, als Blockchain 2.0 bezeichnet werden. Hier geht es zum Beispiel um die dezentrale Speicherung von Eigentumsrechten, Börsen ohne Börsenplattform, Crowdinvesting ohne Crowdnvesting Plattform und das programmieren von Regelwerken in Code bzw. deren automatische Ausführung bei Eintritt eines im Regelwerk hinterlegten Ereignisses.

Und schließlich Blockchain 3.0. Also sogenannte DAAPs, digitale Anwendungen, die sogar dezentrale Nationen ermöglichen würden, also in letzter Instanz Staaten abschaffen könnten.

So hoch müssen wir aber bei der Entwicklung einer regionalen Wertschöpfungsplattform gar nicht ansetzen

 

Wo wir stehen

Werden wir konkreter:  Wir sind schon Plattform: In jeder Region und als Ganzes. Durch den Zusammenschluss dieser Kraft auf Basis der Entwicklung eines technologischen Kerns wird genossenschaftliches Wirtschaften auf eine neue Ebene gehoben. Dabei geht es um mehr als Technologie. Wir sprechen auch und vor allem über kulturelle und soziale Veränderungen, welche auch Basis für ökonomischen Bestand und Fortschritt der Region sind. Dazu bedarf es jedoch des am Anfang bezeichneten großen Denkens.

 

Regionale Genossenschaftliche Plattformen

Wir sind die Plattform für die Menschen der Region. Wir verbinden Unternehmen, Vereine, Institutionen (Stadt) etc. und unsere Mitglieder. Wir sind der regionale Kümmerer, der grundsätzlich alle erforderlichen Leistungen zur Verfügung stellen kann, ob digital oder analog. Jedoch ist die digitale Basis bzw. die Möglichkeit für Plattform Geschäftsmodelle zu schaffen.Jede Bank vor Ort ist eine Plattform bzw. ein Marktplatz und darin stecken die Potentiale für neue Ertrags- und Geschäftsmodelle auch und vor allem jenseits der klassischen Bankprodukte. Insofern ist auch die Ambition unserer Innovation deutlich zu erhöhen und in neue Kompetenzen zu investieren. Allerdings möglichst schnell und möglichst konzertiert.

 

Digitale Technologien sind das Fundament

Die Technologische Entwicklung führt zu einer weiteren Dezentralisierung. Dem dezentralen Internet, folgt die Dezentralisierung von Energie und Logistik. Nicht zuletzt der 3 D Drucker hat das Potential die Produktion wieder zurück in die Regionen zu bringen. Das Motto der Zukunft muss lauten: Design global, produce local.

In diesem Sinne gilt es Kompetenzen in den wesentlichen Technologien der Zukunft aufzubauen: Künstliche Intelligenz, Blockchain, Virtuelle und Augmentierte Realität, Smart Data etc. aufzubauen.

Wir bzw. Sie müssen neue Kompetenzen und Ausbildungsgänge schaffen in denen wir diese Kompetenzen aufbauen: Und es geht darum Konnektoren – also RSS, Idenditätssysteme und vor allem APis zu nutzen, um sich zu öffnen und durch Kooperation + Kollaboration skalierungsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Aktivierung des Ökosystems ist ein Schlüsselfaktor: Vorhandenes Kapital und Kunden bzw. Mitglieder sind ein Mehrwert, der zumindest noch kurzfristig ein Hebel und eine Chance sein könnte

 

 

Gedankenspiel zum Schluss

Innovation braucht Kreativität, Raum (Schutz), Ressourcen, Zeit, Menschen, Evidenz statt Meinung und vor allem auch Geld. Könnten wir dieses Geld nicht aufbringen. Beispielsweise durch Crowd Investing und einer Innovationsintiative, die sich den Prinzipen eines VCs oder auch eines Aktienbrokers in Kombination mit Lean Startup Verfahren bedient. Also keine Entscheidungen in Gremien und nach Regeln der Vergangenheit.

Ideen werden gepitcht, erhalten ein erstes Invest und werden weiter iterativ im Markt getestet und eingeführt um echte Wert erzeugende Lösungen zu finden.

Und wir benötigen nicht weniger sondern mehr Initiativen in einem geordneten Evidenz haltigen Prozess. Also Accelarator und Inkubator Programme mit Ideen von  (noch) mehr als 1000 Banken.

Und verteilt auf 1000 Banken wirkt der Aufwand erstaunlich gering

 

 

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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