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Finterview: GoCardless

Finterview 03/16: Go Cardless

Go Cardless ist ein britisches Unternehmen für kleine und mittelständische Unternehmen, dass den Einzug von Lastschriften enorm erleichtert und schon mehr als 10.000 Kunden bedient. In diesem Finterview spreche ich mit Interview auf Gründerszene.de Jutta Frieden, die zudem eine der wenigen weiblichen Entwickler in der Fintech Welt ist.

 

Finterview: Go Cardless

 

 

Warum habt ihr GoCardless gegründet?

 

Ganz zu Anfang hatten wir vor, eine Plattform zu bauen, die es Freundesgruppen ermöglicht Geld untereinander zu versenden—ein Problem, das uns allen sehr häufig im Alltag begegnet ist: beim gemeinsamen Abendessen, dem Organisieren eines Urlaubs oder beim Geschenkkauf. In den letzten Jahren sind viele Lösungen hierfür auf den Markt getreten.

Als wir uns in 2011 die wichtigsten Zahlungsmethoden für die Umsetzung dieser Idee anschauten, haben wir selbst erleben müssen, wie schwierig es in Großbritannien ist, Zugang zum Lastschriftverfahren zu erhalten. Für KMUs war das fast unmöglich. Hier haben wir dann noch größeres Potential erkannt und uns für unsere Gründung auf diesen Punkt fokussiert.

 

Welches Kundenproblem möchtet Ihr lösen?

 

In unserem Heimatmarkt Großbritannien wollten wir das oben beschriebene Problem der KMUs lösen, Zugang zum Lastschriftverfahren zu erhalten. Diese haben vor GoCardless auf andere Zahlungsmethoden setzen müssen, wie z.B. Banküberweisung oder Kreditkarte. Dabei sind ihnen viele Vorteile der Lastschrift entgangen, z.B. die niedrigen Gebühren (im Gegensatz zu Kreditkarten) sowie die Kontrolle über die Zahlungen (im Gegensatz zur Überweisung).
In anderen Märkten (z.B. Deutschland) ist der Zugang zum Lastschriftverfahren nicht das Problem, wohl aber der Arbeitsaufwand, der mit der Verwaltung der Zahlungen und z.B. dem Wiederversuchen fehlschlagender Zahlungen verbunden ist.

 

Was ist Eure Value Proposition?

 

Wir helfen Unternehmen, ihre Zahlungen per Lastschrift zu empfangen. Wir automatisieren diesen sonst sehr arbeitsintensiven Prozess, vereinfachen ihn und machen ihn für unsere Kunden sehr viel transparenter. Anstatt sich mit komplizierter Banksoftware auseinanderzusetzen, können Kunden unser einfaches Dashboard oder unsere REST-API benutzen.
Zudem eröffnen wir unseren Kunden Zugang zu internationalen Lastschriften. Der unifizierte SEPA Raum ist in einer sonst sehr fragmentierten Umgebung eine Seltenheit, und für internationale Unternehmen wie Netflix oder Spotify ist es ein großes Projekt, Lastschriften weltweit akzeptieren zu können. Wir wollen diesen Kunden eine Integration bieten, die ihnen automatisch Zugang zu den unterschiedlichen weltweiten Lastschriften gibt. Derzeit können unsere Kunden Zahlungen im Euroraum, Schweden und Großbritannien einziehen.

 

Wie finanziert sich GoCardless heute?

Wir schätzen uns sehr glücklich, von starken Venture Capital Partnern unterstützt zu werden. Dazu gehören seit unserem Seed Funding z.B. Y Combinator, Accel Partners und Passion Capital, und seit unserer Series B Balderton Capital.

 

Bitte beschreibt kurz Euer Geschäftsmodell?

Als Zahlungsanbieter ist unser Geschäftsmodell sehr simpel: wir nehmen von unseren Kunden eine Transaktionsgebühr für ihre erfolgreich durchgeführten Zahlungen. In unserem Basisprodukt GoCardless Basic belaufen sich diese Gebühren auf 1 % pro Zahlung, gedeckelt jeweils bei 2 €. In unserer White-Label Lösung fällt neben einer monatlichen Gebühr von 250 € eine fixe Transaktionsgebühr pro erfolgreicher Zahlung an,

 

Wie setzt sich Euer Team zusammen?

Wir sind etwa 70 Mitarbeiter, die derzeit alle in unserem Londoner Büro zentralisiert sind. Den größten Anteil machen unsere Entwickler und Datenexperten aus, die unsere Technologie Tag für Tag vorantreiben und perfektionieren. Als B2B Unternehmen spielt das Sales Team eine weitere wichtige Rolle der Belegschaft. Für den Kontakt zu unseren Partnerbanken und bestehenden Kunden ist jeweils das Operations- und Supportteam verantwortlich. Abschließend haben wir in 2015 ein 10-köpfiges internationales Team aufgebaut, das sich um die Expansion in Europa und weltweit kümmert.
Wir sind stolz auf den relativ hohen Anteil an Frauen in unserem Team. Mit 18 Mitarbeiterinnen (25 %), die sich über alle Abteilungen verteilen, liegen wir im Branchenvergleich über dem Durchschnitt. Wir arbeiten pro-aktiv daran, diesen Anteil immer weiter zu steigern.

 

Kurze Antwort: Banken lieber disruptieren oder integrieren (Enabler)?

Integrieren. So haben wir es mit unseren Partnerbanken auch bereits getan. Ohne eine starke Bank an unserer Seite könnten wir unser Produkt unseren Kunden nicht anbieten. Gleichzeitig profitieren unsere Partnerbanken vom zusätzlichen Volumen und neuen Kundenspektren.

 

Was könnt Ihr besser als Banken?

Wir sehen uns klar als Technologie-Unternehmen. Wir bauen Technologie auf der bestehenden Infrastruktur der Banken, und bringen so bewährte jedoch veraltete Systeme in die digitale Welt. Zudem sind wir vollständig auf die Lastschrift fokussiert (statt nebenbei Sparbücher, Girokonten und Kredite zu verwalten). Damit können wir unsere Energie dahingehend investieren, verschiedene Lastschriftverfahren aus aller Welt zusammenzubringen. Das kann eine lokalisierte Bank in der Regel nicht.

 

Wo seht Ihr die größten Herausforderungen in der Zukunft? Für Euch und die Finanzbranche?

Unsere Vision ist es, ein globales Zahlungsnetzwerk für die Lastschrift zu bauen. Ziel ist es dabei, dass internationale Firmen ihre Lastschriften mit einem Anbieter abdecken, statt viele verschiedene Banken und Lastschriftsysteme zu integrieren. Die Herausforderung wird sein, multinational zu wachsen, und dabei unsere Agilität zu bewahren.
In der Finanzbranche wird es speziell für Banken eine Herausforderung sein, mit den richtigen FinTechs zu partnern, und die entscheidenden Schritte in die Digitalisierung nicht zu verschlafen.

 

Wie erfolgt eure Marktbearbeitung/-eroberung?

In Deutschland ist die Lastschrift so weit verbreitet wie in keinem anderen europäischen Land. Viele unserer bisherigen Kunden haben vorher bereits ihre Zahlungen per Lastschrift eingezogen, aber haben mit den manuellen undurchsichtigen Systemen zu kämpfen gehabt.
Ein Segment, in dem wir besonders punkten, sind Software as a Service Anbieter. Diese teilen sozusagen unsere DNA und lernen die Qualität unserer Technologie sehr schnell zu schätzen. Andere wichtige Kundensegmente sind B2B Service Anbieter und Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf Mitgliedschaften beruhen.
Darüber hinaus wollen wir noch mehr Partner hinzufügen, deren Kernprodukt wir als integriertes Zahlungstool verbessern. Beispiele unserer bestehenden Partnerschaften in Deutschland sind Zuora (Subscription Management) und Cobot (Coworking Space Management).

 

Welche Pläne habt Ihr konkret für 2016?

In 2016 wollen wir unsere globale Präsenz ausbauen und weitere internationale Lastschriftverfahren hinzufügen — in Frage hierfür kommen z.B. Australien und Kanada.
In den letzten 12 Monaten haben wir zahlreiche große Unternehmen wie die Financial Times, Habitat oder Thomas Cook als Kunden gewinnen können, und wollen diese Erfolge in 2016 fortführen — ohne dabei unseren Support für KMUs zu schmälern.
Damit verbunden sind jeweils große Pläne für unsere Technologie und unser Produkt: unser höchster Anspruch ist und bleibt es, all unseren Kunden — ob klein oder groß — ein sicheres Produkt zu bieten, das sie bestmöglich bei ihren Zahlungen unterstützt. Unsere Entwickler und das gesamte Team freuen sich bereits auf viele neue Funktionen und Verbesserungen in 2016.

 

Wer sind Eure Wettbewerber?

Zu den wichtigsten Wettbewerbern gehören die Banken. Fast jedes deutsche Unternehmen kann theoretisch seine Lastschriften mit der Hausbank durchführen. Das ist ein manueller und arbeitsintensiver Prozess, aber auch eine bewährte Option.
Hinzu kommen die gängigen Zahlungsdienste, die mehrere Zahlungsmethoden verbinden, z.B. Adyen oder Billpay. In allen Fällen hilft es uns enorm, dass wir uns auf die Lastschrift fokussieren, und das Kundenerlebnis rund um Lastschriften bis ins Detail optimieren.

 

Habt Ihr vielleicht einen Tipp für andere Gründer?

Ja. All unsere Mitarbeiter unterstreichen immer wieder, wie glücklich sie mit der Kommunikation innerhalb von GoCardless sind. Eine offene Kommunikation ist für uns der Schlüssel zu Mitarbeitermotivation, Schnelligkeit und Teamarbeit. Das sehen wir jeden Tag, wenn wir durch E-Mails oder in unseren All-Hands-Meetings gemeinsame Erfolge und neue Erkenntnisse teilen.

 

Welches Thema wird die FinTech Szene 2016 am meisten bewegen?

Ein Thema wird sicherlich der Umgang mit FinTechs in Bezug auf deren Regulierung sein. In Großbritannien hat die Financial Conduct Authority (vergleichbar mit BaFin) bereits gezeigt, dass sie FinTechs unterstützend zur Seite stehen will, z.B. mit Initiativen wie dem Project Innovate und der verbundenen „Regulatory Sandbox“. Es wird spannend sein zu sehen, ob weitere europäische Länder den FinTechs ähnliche Zugeständnisse machen werden.

 

 

Finterview: Jutta Frieden
Jutta Frieden ist Country Lead Germany & Austria bei GoCardless und verantwortlich für die Expansion im deutschsprachigen Markt. Als Mathematikerin leitete sie vor GoCardless bei dem Londoner EdTech Unternehmen Maths Doctor die Produktentwicklung. Nebenbei engagiert sich Jutta für Frauen in Technologie und unterstützt z.B. die englische Organisation Code First: Girls bei deren Programmierkursen und Veranstaltungen für Frauen.

 

 

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

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