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Ein Brief zum Jahreswechsel: Liebe Tante Ilse

ich darf Dich doch Tante nennen. Ich mache das, weil Du mir so vertraut vorkommst und Dich so rührend um mich kümmerst. Ehrlich gesagt, kennen wir uns (noch) gar nicht persönlich. Ich bin der Verbraucher oder sagen wir einer von Millionen Menschen, den Du oder den Ihr immer  auf die Funktion des Verbrauchers reduziert. Manchmal treten wir natürlich auch in der Funktion des Steuerzahlers und des Nachfragers nach staatlichen Leistungen auf. Hauptsache Ihr könnt ihmmer nur Teilaspekte unserer menschlichen Identität betrachten. Das macht es dann so einfach sogenannte sachliche Entscheidungen zu treffen. Wir leben halt in einer Welt der Differenzen oder der binären Codes. Gut oder Böse.

Aber ich möchte nich abschweifen liebe Tante Ilse. Ich weiss sehr viel über Dich. Man könnte in Deinen Worten fast sagen: Ich weiss absurd viel über Dich und das was ich über Dich weiss, musst Du an ganz ganz vielen Orten freiwillig oder unterstützt durch Deine Mitarbeiter in die Welt posaunt haben.

Bei google finde ich beispielsweise über 1, 5 Millionen Einträge. Bei Wikipedia kann ich nachlesen, dass Du 1964 geboren bist. Oha Du bist ja nur 3 Jahre älter als ich. Katholisch und unverheiratet bis Du auch. Du kennst Dich wohl mit Hubschraubern ganz gut aus. Aus Deinem Lebenslauf kann ich allerdings kaum erkennen, woher Deine  Kenntnisse in Sachen Nahrungsmitteln oder auch Datenschutz kommen. Nun da gibt es wohl genug Leute um Dich herum, die Dir erzählen was sie so denken. Und gelegentlich hast Du sicherlich auch Zeit mal ein Buch zu lesen oder eine einflussreiche Persönlickeit eines wichtigen deutschen Unternehmens stellt Dir mal seine oder ihre Sicht der Dinge dar. Außerdem bist Du Parteimitglied der CSU. Ist das absurd?

Aber ich frage Dich. Warum machst Du das? Warum stellst Du anderen Menschen so viel persönliche Informationen zur Verfügung? Hast Du keine Angst?

Bei Facebook warst Du auch mal. Aber wahrscheinlich nur mal, um zu schauen wie das da so ist. Offenbar nicht so richtig gut. Du oder Deine Mitarbeiter konnten nichts damit anfangen und haben sich nicht die Mühe machen wollen, das „Phänomen“ zu verstehen. Das ist ja das schlimme an allen neuen Dingen. Man musss sich damit beschäftigen. Man muss versuchen zu verstehen, bevor man es ablehnt. Leider leben wir in einer Zeit, die jeden Tag neue Fragen aufwirft, weil ganz viele selbstverständliche Praktiken und auch Werte – was für die christliche soziale Union ja besonders schlimm sein muss- auf einmal nicht mehr funktionieren und nicht mehr gelebt werden. Der Verbraucher – also ich – hat auf einmal so viele Optionen, dass er die Wahl hat und sich Gedanken machen kann. Wobei! Gefällt es Dir eigentlich, wenn sich Menschen Gedanken machen können, wenn Sie auf einmal mehr Informationen – vielleicht auch als Politiker -haben. Es soll da ja einen Parteifreund gegeben haben, der nicht zuletzt durch die Macht des Internets zum Rücktritt bewegt wurden ist. Er wird aber sicherlich zurück kommen, denn was bleibt Euch schon, denn wo einem die Realität davon läuft, da hilft vielleicht noch eine charismatische Persönlichkeit. Und viele Menschen halten den Parteifreund ja dafür. Ist das vielleicht absurd?

Ich wollte aber eigentlich den Verbraucher und das böse Facebook sprechen. Vorweg möchte ich sagen, dass mich auch einige Dinge an Facebook stören. Das soziale Netzwerk wird nun einmal von einem Unternehmen betrieben und diese müssen wachsen. Dagegen hat Deine Partei ja gar nichts. Über Wachstum könnte man allerdings schon streiten. Ich befürworte „Smarth Growth“. Und wer sich daran orientiert, hat die Bedürfnisse und Interessen von Mensch, Kommunen, Gesellschaft, Umwelt und zukünftigen Generationen zu berücksichtigen. Durch die Leistungen des Unternehmens sollte es also nicht nur den Aktionären besser gehen und auch nicht nur einzelnen Nationalstaaten. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Facebook möchte – so ist meine Einschätzung – nicht die Weltherrschaft. Facebook nutzt Daten, um Menschen die Produkte von anderen Unternehmen zu verkaufen. Dafür macht man Werbung. Das ist aber auch nicht verboten. Keiner verbietet z.B. BMW mir Werbebriefe in meinen Briefkasten zu werfen. Woher haben die eigentlich meine Daten? Wüsste BMW etwas mehr über mich – z.B. durch die Hilfe von Facebook – dann könnten Sie auf die Werbebriefe ganz einfach verzichten.

Natürlich verstehe ich Deine Angst auch ein wenig, denn prinzipiell bietet Facebook auch die Chance sich zu organisieren und gegen Dinge anzugehen, die einem als Bürger nicht gefallen. Das macht in den USA z.B. die Occupy Bewegung. Facebook bietet den Menschen offenbar viele Vorteile, die sie dazu führen dem Netzwerk Daten zur Verfügung zu stellen. Einige werden sicher so dumm und naiv sein und sich nicht mit den Sicherheitseinstellungen zu beschäftigen, ich denke aber , dass es sich dabei um jene Menschen handelt, die auch bei allen anderen Aktivitäten und der Nutzung aller anderen Medien der Gefahr ausgesetzt sind, über das Ohr gehauen zu werden. Die sind dann entweder dumm oder haben gelernt sich auf den Verbraucherschutz zu verlassen.

Verbraucherschutz – nicht das ich da falsch verstanden werde – ist ein tolle Sache. Aber wäre richtig verstandener Verbraucherschutz nicht auch damit verbunden den Verbraucher unabhängig und unparteiisch aufzuklären und klüger zu machen, damit er seine Entscheidungen selber treffen kann. Oder habt Ihr am Ende Angst vor Euren Bürgern, deren Bildungssystem Ihr so löchrig und ungerecht gemacht habt, dass diese nicht mehr in der Lage sind kompetente und das System erhaltende Entscheidungen zu treffen. Funktioniert die Sinnproduktion nicht mehr, weil immer mehr Bürger dieses Landes dazu nicht mehr beitragen können? Sind nicht am Ende Staaten und vielleicht auch das Wirtschaftssystem mit für die Probleme verantwortlich, die Euch Facebook und Co. heute zu bereiten scheinen?  Es ist doch ähnlich wie bei den Banken.

Bevor ich jetzt zu weit abschweife und noch den Jahreswechsel verpasse, möchte ich mir noch etwas von Dir und Deinen Freunden wünschen. Bei Euren Versuchen mich zu schützen, solltet Ihr nicht mit zweierlei Maß messen. Ihr solltet die Menschen nicht entmündigen und überall Regelungen schaffen, von denen Ihr denkt, dass sie für alle Menschen gleichermaßen gut und richtig sind, während sie ja eigentlich in erster Linie für Eure eigenen Interessenverfolgung wichtig sind. Wie wäre es wohl, wenn Facebook ein deutsches Unternehmen wäre und sich die Regierungen anderer Länder über die Praxen des Unternehmens beklagen würden? Wie wäre es,wenn Facebook ein für Deutschlands Export wichtiges Unternehmen wäre?

Könntet Ihr nicht eine Internetplattform entwickeln (dafür könnt Ihr ja auch Facebook nutzen), die Verbrauchern die Möglichkeit bietet direkt darüber zu diskutieren, was überhaupt schützenswert ist und wie der Schutz dann aussehen sollte?  Wie wäre es mit etwas mehrer Demokratie und Transparenz des Verbraucherschutzministeriums oder trifft uns da wieder Euer Zweifel in Euer Bildungssystem, welches ja nur noch auf wirtschaftliche Verwertbarkeit ausgerichtet zu sein scheint und das immer breiteren Bevölkerungsschichten den Zugang zu hochwertigen Bildungsabschlüssen verbaut. Das finde ich allerdings absurd, denn wenn die Menschen etwas klüger wären, dann könnten sie die Chancen und Risiken sozialer Netzwerke vielleicht besser abschätzen.

Ist es wirklich absurd, wenn man eine Art Tagebuch oder Chronik führt und Menschen, die man für vertrauenswürdig hält, Zugang hierzu gewährt. Ist es absurd sich mit anderen Menschen zu vernetzen und gemeinsam Ziele zu verfolgen? Ist Kooperation und Kollaboration absurd? Ist die Lösung gemeinsamer Probleme, die Abwicklung von Projekten, die Gründung von Unternehmen und Initiativen absurd? Ist es absurd für Menschenrechte einzutreten oder großen mächtigen Unternehmen und Institutionen zu widerstehen? Wäre das nicht vielleicht der bessere Verbraucherschutz, wenn man die Rechte von Menschen über die von Unternehmen stellen würde? Oder geht es am Ende nur darum, welche Instistution oder Organisation das Recht hat über die Daten des Menschen zu verfügen? Meiner Meinung nach sollte dieses Recht nur der Mensch selber haben, wofür er aber auch Kompetenz und Möglichkeiten benötigt, die ihm der Staat zum Beispiel vermitteln könnte.

Douglas Rushkoff ein von mir sehr geschätzter Autor hat ein sehr interessantes Buch zu dieser Thematik geschrieben. Das Buch mit dem Titel: Programm or be programmed, verbreitet die These, dass die Menschen der modernen Gesellschaften die Fähigkeit besitzen sollten Programmiersprachen zu beherrschen, um unabhängig und lebenskompetent zu bleiben, weil Sprache und die Fähigkeit zu lesen eigentlich dafür sorgen, dass wir Teil einer Kultur und Gesellschaft sein könnnen. Moderne Gesellschaften haben offensichtlich neue Sprachen und erfordern neue Kompetenzen. Wir haben entweder die Möglichkeit die Software zu programmieren oder die Software zu sein.

Liebe Tante Ilse. Hilf uns dabei die Software zu programmieren. Und jetzt wünsche ich Dir und allen Deinen Freunden ein glückliches neues Jahr.

Und das wünsche ich natürlich auch allen Lesern meines Blogs. Bleibt mir gewogen. Das neue Jahr startet mit dem Themenmonat „Social Business“

Auld Lang Syne

 

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • Christian Neubauer

    Großartig. Einfach treffend und ein gelungener Abschluss zum Jahresende.

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