title

Blog

Bullshit Storm

„Social Media is mainstream and Dull now“*

Mal wieder einige Gedanken zu Social Media. Nicht weil ich Unternehmen und insbesondere Banken sagen möchte, dass sie in den Social Media Pool springen müssen, um auch zukünftig noch mitschwimmen zu können. Und genauso wenig möchte ich Unternehmen hier empfehlen oder aufzeigen, wie sie dies tun können, denn wie Chris Skinner in seinem Blog The Finanser  schreibt

Social Media is now mainstream and dull

Dieser Artikel entsteht eher aus einem steigenden Unbehagen darüber, was einem auf Facebook Seiten inzwischen alles so begegnet und wie dort miteiander umgegangen wird. Denn weil „Social Media now mainstream and dull“ ist, hört oder liest man nun überall plattes und peinliches Gesabbel und Geschrei unter der Gürtellinie (ok meiner persönlichen Gürtellinie).

Das ist  teilweise kaum noch zu ertragen, denn man  kann sich den unangenehmen Zeitgenossen und ihren verbalen oder non verbalen Plattheiten kaum noch entziehen. Der Social Graph ist voller Spam!

So fing es an

Begonnen hat mein Unbehagen mit dem Fall ING Diba, den man hier nicht mehr aufbereiten oder bewerten muss. Die ING Diba hat – das sagen auch die Gurus – nichts falsch gemacht. Dennoch mussten sich Besucher der ING Facebook Seite tagelang durch verbalen Abfall wühlen, bevor sie ihrem  Anliegen nachgehen konnten. Wer den Dialog sucht , erntet eben auch die Gespräche, die in keinster Weise dazu beitragen einem Unternehmen wichtige Inputs für dessen Verbesserung zu geben und die darüber hinaus, auch dem Nutzer keinen Mehrwer mehr bringen. Außer das sich mancher Zeitgenosse mal so richtig, unter Zuhörern und ohne die Gefahr von Konsequenzen auskotzen kann.

So wurde es schlimmer

Für die Intensivierung dieses Unbehagens sorgte dann der Besuch auf der Facebook Seite meines Lieblings Fussballvereins. Auch diesem Verein kann man eine recht gelungene Social Media Positionierung attestieren. Nicht alles ist Gold und mit dem Dialog und der Transparenz hapert es manchmal ein wenig. Totzdem haben  Verein, Spieler und Verantwortliche nicht verdient nach jedem verlorenen Spiel – und teilweise sogar nach Siegen – durch die Nutzer beleidigt und angegriffen zu werden. Beim Lesen der Kommentare stellt sich bei mir unweigerlich Fremdschämen und das Bedauern ein, diesen Menschen – denen man früher einfach aus dem Weg gehen konnte – nicht mehr entfliehen  zu können. Selbst auf dem Stehplatz im Stadion kann man den unagenehmeren Zeitgenossen entgehen.

Was ist da passiert?

Immer mehr Menschen nutzen Social Media. Social Media ist bis in die Mitte und sogar bis an die Ränder der Gesellschaft vorgedrungen. Und nun zeigt sich, dass eben nicht alle Gespräche gehaltvoll und alle Gesprächspartner an der Lösung von kleinen oder großen Problemen von Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur etc. interessiert sind. Viele sind noch nicht mal daran interessiert ihre individuellen Fragen mit Unternehmen bei denen Sie Kunde sind oder Kunde werden wollen, zu stellen. Es wird gequaselt, geschwätzt und eben auch geschrien, beleidigt, gemobbt etc. Einfach mal auskotzen, das ist ja auch ein Bedürfnis. Teilweise durchaus verständllch, denn wann wird der Mensch überhaupt noch gehört? Wann hat er die Chance sich wirklich zu beteiligen? Wo sind die Vorbilder, die es besser vormachen und die Institutionen, die eigentich für Bildung sorgen sollten.

Und wo sind die Unternehmen, die noch Rückrat haben? Die jene Besucher der Seiten schützen, die ein wirkliches Anliegen haben. Ein solches Anliegen darf natürlich auch kritisch gegenüber dem Unternehmen sein. Es sollte aber nicht aus dummen Gebrüll bestehen.

Unternehmen sind verunsichert. Haben Angst vor dem Shitstorm, der aber zumeist ja nur entsteht, weil gut vernetzte Blogger, die häufig ihr Geld noch mit Social Media Beratung verdienen, jeden noch so kleinen Feher aufnehmen, kommentieren und mit gut vernetzten Journalisten teilen, die dann Zeitungsseiten oder TV Sendungen damit füllten. Dabei sind die meisten sogenannten Shitstörme nur Bullshitstörme, die entweder keine langfristig negative Wirkung haben oder – selbst wenn etwas dahinter steckt – am Handeln der Unternehmen nichts ändern. Mit der Wirkung von Social Media ist es offenbar zumeist gar nicht so weit her. So kann man das z.B. auch in der aktuellen Brand Eins nachlesen „Im Auge des Shit-Stürmchens“.Artikel geschrieben von Oliver Link

Verunsicherte Unternehmen schützen also Ihre Nutzer nicht. Teilweise können sie sich noch nicht einmal selber schützen. Es gibt Unternehmensseiten, sehr schlechte zumeist, die schon lange von den Nutzern beherrscht werden. Man redet gepflegt aneinander vorbei. Das Unternehmen schreibt Beiträge und die Nutzer kommentieren, indem sie die ganzen üblen Verfehlungen des Unternehmens darstellen und untereinander diskutieren. Meiner Meinung nach war es ohnehin keine gute Idee dieses Unternehmens überhaupt eine Facebook Seite zu erstellen. Aber was soll es  10.000 Fans sind es ja trotzdem bereits gewesen oder sollte  man lieber 10.000 Feinde sagen.

Man stelle sich vor, man befindet sich in einem Lokal und würde nur zwischen schreienden Menschen stehen, die dann irgenwann unaufgefordert neben einem stehen und einen anpöbeln. Da würde man doch auch erwarten vom Besitzer beschützt zu werden. In welcher Unterehmensfiliale streiten und bekämpfen sich Menschen oder brüllen sich mal so richtig die Seele aus dem Hals. Ich kenne eigentlich keine und das wünschte ich mir auch im Internet.

Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass weder Unternehmen noch Menschen überhaupt noch wissen, wie menschlicher Umgang miteinander aussieht. Auch im Straßenverkehr schlägt der Unbeobachtete regelmäßg über die Stränge

Lionel Tiger schreibt in einem hervorragenden Artikel mit dem Titel: Reprimatisierung: Warum wir Menschen in Neuen Medien wie Affen kommunizieren:

Klatsch – das ist sehr harmlos ausgedrückt – ist von Primaten Geschriebenes, banal und endlos nach eiem aufwirbelnden Skript, genährt von endlosem Interesse der Menschen an  anderen Menschen.

und später

Technologie hilft Menschen dabei, sogar noch begieriger auf Klatsch und Tratsch zu sein. Die einfache Behauptung diesbezüglich ist, dass die befreienden Technologien der modernen Kommunikation nicht nur unsere primatenhafte Verkabelung überwunden, sondern vielmehr eine effektive und dauerhafte Kommunikation anregen.

Es hat sich also gar nicht so viel verändert. Hätten die Primaten die technologischen Möglichkeiten gehabt, sie hätten wohl schon das Internet erfunden. Und die Höhle der Neuzeit ist eben so gross, dass wir jede schlechte menschliche Eigenschaft in Echtzeit mitbekommen. Jetzt erleben wir, was und wie wir wirklich sind.

Was kann man da machen? In den Interest Graph zurückziehen oder sogar aus dem Internet zurückziehen?

Was denken Sie? Ich musst das jetzt einfach mal so loswerden

Unbedingt lesen:

Reprimatisierung: Warum wir in Neuen Medien wie Affen kommunizieren

von Lionel Tiger mit einer Würdigung von Norbert Bolz

Herausgeber GDI Gottlieb Duttweiler Institut

gibt es auch bei amazon

 

Wikipedia: Greek Mythology A member of a nation of women warriors reputed to have lived in Scythia.

Boris Janek

AUTHOR - Boris Janek

  • adisfaction AG

    Sehr interessanter Ansatz,
    wieder mal mutig gegen den Mainstream gestellt und Sie haben u. E. voellig recht damit.
    Unternehmen sollten wirklich ihre guten Nutzer schuetzen, wir werden dies gerne in unsere Planungen aufnehmen.
    machen Sie bitte weiter so mit Gedanken, die ueber den SM Hype hinausgehen

  • Dr. Hansjörg LeichsenringHansjörg Leichsenring

    Ich verstehe nicht so ganz wo das Problem liegt. Egal was man im Leben macht, man riskiert Fehler. Warum sollte das bei Social Media anders sein. Und es kann ja nicht schlecht sein, wenn Social Media Mainstream wird. Oder wollen wir Finanzblogger uns etwas darüber beklagen?
    Je mehr Leute mitmachen, desto mehr Diskussionen gibt es und das eine Facebookseite mit 1000 Einträgen unübersichtlicher ist als eine mit 20 ist auch logisch.
    Beste Grüße

    Hansjörg Leichsenring

    • electrouncle

      Hallo Herr Leichsenring,

      ich beklage ja nicht, dass Social Media Mainstream wird. Ich sage aber, dass dadurch eben auch einige der Vorteile, die Unternehmen oder auch privat Personen davon haben sollen, wieder verloren gehen, wenn die Betreiber von Seiten und eben auch die – sagen wir mal vernünftigeren Nutzer, nach klaren Spielregeln handeln und diese auch durchsetzen. Nichts desto trotz zeigen die Erfahrungen der zweiten und dritten Welle von Social Media doch ganz eindeutig:
      Die Menschen werden oder sind nicht besser oder anders geworden durch Social Media. Ebensowenig die Unternehmen. Social Media ist für sich genommen ohne Inhalt und ohne Richtung. Die entsteht erst durch Menschen und die Tipps der Berater für Unternehmen gehören genauso auf den Prüfstand wie die hohen Erwartungen an die Veränderung von Unternehmen

  • Selber

    „Social Media ist bis in die Mitte und sogar bis an die Ränder der Gesellschaft vorgedrungen.“ Wenig überraschend, aber richtig beobachtet. Viele Menschen am Rande der Gesellschaft sind bekanntermaßen besonders mitteilungsbereit. Das merkt man nicht nur morgens in der U-Bahn oder Abends am Kiosk. Das würde aber niemand anders stören, wenn es nicht öffentlich ausgetragen würde. Nur: Die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat ist doch grade etwas, was Facebook als Plattform ständig unterläuft. Öffentlichkeit wird gefördert von Facebook.

    Ich persönlich finde, dass Facebook außerhalb geschlossener Gruppen deshalb ungenießbar und inhaltsleer geworden ist bzw. interessante Inhalte nicht gefunden werden können. Jetzt wird der ganze Mist auch noch archiviert für die Nachwelt in der Timeline.

    Deswegen ist Facebook m.E. auch für Unternehmen zunehmend uninteressant. Die Bullshit-Storm-Befürchtungen sind richtig, besonders, wenn etablierte und web 2.0-unerfahrene Medien dann auch noch darüber berichten.

    Lieber lese ich Blogs, die als Medium schon totgesagt wurden (so auch diesen hier). Da ist der Absender eindeutig. Auch ein Unternehmen sollte lieber einen gut gemachten Blog anbieten, in dem nicht nur Marketing-Mitarbeiter schreiben, und damit gute (und evtl exklusive) Inhalte anbieten. Die Kommentare der Nutzer können redigiert werden, das ist beim Blog normal und eine Selbstverständlichkeit. Wie selbstverständlich man mit Kritik umgeht, sagt etwas über die Fähigkeit des Managements aus, und nicht über das Werbebudget.

    Aber gesittetes Social Network, das gleichzeitig nichts kostet, wird ein romantischer Wunschtraum bleiben.

  • adisfaction AG

    es geht ja nicht darum, dass SM Mainstream wird, das ist natürlich gut,
    sondern darum, wie Unternehmen bzw. gerne auch Blogger damit umgehen, wenn Sie ohne jegliche Netikette zugemüllt werden. Es darf auch keine Gedankenverbote dahingehend geben, auch mal einen Schlusstrich zu ziehen und die konstruktiven Nutzer zu schützen vor „Fleischwurstextremeisten“.
    Beste Grüße,
    Stefan Swertz

Post A Comment

 

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Stoppt ACTA

Finance 20 ist gegen die Einschränkung von Grundrechten zugunsten überkommener Institutionen und beeinflusst durch unternehmerische Partikularinteressen, die zudem lobbyistisch aufbereitet,...

Schließen